Prüfet alles und behaltet das Gute: So steht es bei Paulus an die Thessalonicher. Es ist die Jahreslosung der Evangelen für 2025. Die haben mich sonst eher wenig interessiert; diese aber blieb hängen. Es ist die schöne Idee, dass man sich vom Unguten verabschieden nicht nur sollte, sondern auch könnte. Der griffige Satz taugt außerdem als unbegrenzt haltbare Jahreslosung für Kritiker:innen – tun wir doch nichts anderes. Daran gefällt mir die, bei aller kritischen Kritik, aufs Gute gerichtete Perspektive. Und in dieser Blickrichtung folgt hier ein Vorschlag, was ich nach Prüfung zum Behalten empfehlen würde. Mich fasziniert das Wirken des französischen Ensembles und Chors Pygmalion, gegründet 2006 und seitdem geleitet von Raphaël Pichon, der seine Erfahrung als Countertenor in das historisch informierte Musikmachen einbringt. Und wie!

Es hat, ob Bach oder Rameau, Mozart oder Monteverdi gespielt, gesungen wird, eine schnell erkennbare Verbindung von Natürlichkeit und Dringlichkeit; freien Atem plus Genauigkeit en détail, eine Phrasierungskunst, die sich als »Sinn« der Musik unmittelbar erschließt. Der Pygmalion-Chor intoniert und artikuliert geradezu vollkommen, und plötzlich sind Worte zu verstehen, die man nur geahnt hatte, was eine elektrisierende Balance von Musik und Text schafft. Von der Opéra National de Bordeaux aus, wo Pygmalion angebunden ist, verbreitet sich diese frohe Botschaft in die Restwelt, zuletzt etwa in Amsterdam, in einem raffinierten Pasticcio, das unter der bei George Bataille geliehenen Überschrift Le Lacrime di Eros den Orpheus-Mythos als Spannungsdreieck von Liebe/Tod/ Kunst durch eine feinst gestimmte Playlist von alter, wie neu klingender Musik auslotete. In den genialisch assoziativen Bildern von Romeo Castellucci operierte das, in kühlen white-cube-Räumen, am offenen Herzen der Oper.

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DOVE SEI?, mit der Urfrage aller Liebenden fängt der Abend an und zielt pfeilgerade ins Schmerzzentrum. Zu hören sind Nummern aus Monteverdis Madrigalbüchern, aus Peris L’Euridice, aus Caccinis Le Nuove Musiche und allerhand Raritäten. Zwischen der subtilen Sinnlichkeit der Musik und den technisch präzisen Installationen der Grausamkeit auf Castelluccis Szene erwächst eine Spannung, die hier zum Himmel schreit. Schreien will und soll. Darauf will es hinaus, das ist die tiefschwarze Antwort auf das klassische Liebestod-Modell der Oper. Theaterblut fließt, gleich literweise, wenn sich eine Liebende ausblutet, aber in aller Form, medizinisch assistiert, nicht auf den schnellen Schock schielend, sondern aufs Essentielle. Danach ist man für üblichen Opern-Plunder mit seinen so oft so schwach behaupteten Geschichten einstweilen verloren.

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Die außerordentliche Wirkmacht von Pygmalion und Pichon ist der Ästhetik von Teodor Currentzis und MusicAeterna nicht unähnlich und doch ganz anders. Wo Currentzis einen Hang zur Veräußerlichung von Affekten pflegt, geht es bei Pygmalion in die entgegengesetzte Richtung: nach innen. Da öffnet sich für das musikalische Theater eine neue Bühne. Es ist eine mögliche Antwort auf die Frage, wie es weitergehen soll mit dem unmöglichen Kunstwerk Oper.

Und schön schlau, wie sich dieses dramaturgisch konzeptionelle Denken auch ins Konservenformat überträgt. Bestimmt wird Le Lacrime di Eros auch ein Konzeptalbum. So wie zuletzt die um sehr ausgewählte Intermezzi erweiterte Pygmalion-Fassung von Mozarts Requiem.

Es beginnt, mit der Engelsstimme eines Knaben (namens Chadi Lazreq), gleich In paradisum und führt über den Kanon Ach, zu kurz ist unsers Lebenslauf und ein mozartfrühes, rührendes Miserere mei Schritt für Schritt an die große Schwelle von Leben und Tod. Es ist, wie wenn ein Vorhang sich öffnet auf das wieder als Ungeheuerliches erfahrbare Ungeheuerliche. Neulich hörte ich im Radio eine Diskussion über die Platte, ob man das dürfe: das Requiem so zu montieren mit anderer Musik. Überhaupt erfreulich, gelegentlich eine Diskussion über ästhetische Gegenstände im Radio zu hören. Aber natürlich man darf das, zumal jede Fassung des Mozartrequiems ja eine Entscheidung für oder gegen eine andere ist. Man prüfe alle. Diese hier ist einstweilen meine für dorthin, wo es einsam ist. Es muss gar keine Insel sein. Etwas zum Behalten. ¶

…ist Musikjournalist und war bis 2023 Professor für Musik und Medien an der TU Dortmund, wo er den Studiengang Musikjournalismus leitete. Er ist im WDR und Deutschlandfunk zu hören und schreibt u. a. für Opernwelt und die FAZ. 2020 erschien sein Buch ›World Wide Wunderkammer. Ästhetische Erfahrung in der digitalen Revolution.‹

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