Seit ich mich mit »klassischer« Musik beschäftige, sammle ich Entschuldigungen. Sie kommen ungefragt, sie klingen alle etwa gleich, und meistens haben die, die sich entschuldigen, gerade Musik gehört, irgendwas mit Bach, Beethoven oder Wagner oder Neue Musik. »Klassik« also. Man bittet um Nachsicht für ein offenbar unangemessenes, womöglich falsches, weil nicht kompetentes Hören. Man sei ja kein Experte. – Aber warum, frage ich mich also schon lange, hören sie nicht einfach zu, warum ist Musik, wenn sie als Kunst wahrgenommen wird, so sehr mit der Vorstellung verbunden, dass ihre Rezeption ohne stabile Wissensfundamente irgendwie falsch und verkehrt sei? Ist doch verrückt, gerade bei Musik!
Offenbar wirkt da, so meine Vermutung, ein kultureller Bildungs-Imperativ: Man habe den klassischen Kanon zu kennen, um überhaupt irgendwas sagen zu dürfen, sonst geht das nur unter dem Vorbehalt einer Entschuldigung. Das Thema kam mir schon vor Jahren in den Blick, am Rande einer Polemik über die »Leichtigkeitslügen« einer Vermittlung, die es sich zu einfach macht, die über Komplexität als Möglichkeit von Kunst gutgelaunt hinweggeht, und dabei die Kunst, so meine These, regelmäßig verpasst. Damals glaubte ich, dass sich dieser MUSST-DU-KENNEN-Imperativ in der großen allgemeinen Bildungskrise, der Krise der Institutionen und Autoritäten überhaupt und angesichts der neuen Selbstermächtigungs- und Teilhabeoptionen der digitalen Welt bald verlieren würde, Schnee von gestern!
Verrückterweise spricht meine kleine Privatempirie eher dagegen, und nun lese ich in einem neuen Buch des Literaturwissenschaftlers Johannes Franzen über die Frage, warum Menschen so hingebungsvoll, ja gelegentlich hasserfüllt über Geschmacksfragen streiten (Wut und Wertung), die interessante Begriffsbildung des Guilty Displeasure:
»Die Verwirrung, die sich in Bezug auf institutionell verordnete Ästhetik ergibt, ist die Scham über ein ästhetisches Missvergnügen, ein Guilty Displeasure. Man müsste ein Buch, einen Film, ein Musikstück eigentlich mögen, aber es gelingt einfach nicht. So begleitet den ästhetischen Geschmack in modernen Gesellschaften ein konstitutionelles Schuldbewusstsein, das eine Quelle ständiger sozialer Konflikte darstellt.«
Guilty Displeasures gehören einerseits gar nicht in meine Entschuldigungssammlung, es sind aber zwei Seiten einer Medaille. Hier der Druck, etwas gut finden zu müssen, der einem die mögliche Freude verdirbt, da die Unsicherheit, ob man dem persönlichen Like denn wohl trauen können. In jedem Fall wird Druck empfunden.
Das Thema des Buchs von Franzen (in dem es um »klassische« Musik eher nicht geht) scheint mir gut gewählt, weil es die Diskussionen um das Richtige und Falsche in der Kunst zwischen Experten und Fans, alten und neuen Medien in aktuelle Kontexte stellt.
Dazu später nochmal mehr. Heute möchte ich mich erstmal wundern, dass und wie der alte Imperativ, so sehr sich die Welt gedreht hat, immer noch funktioniert. Womöglich aber nur im weiteren Kreis derer, die, auch wenn sie keine »Kenner« sind, »Kunst« schon für ein wenig relevant halten. Wo es noch als Makel gilt, Mozart doof zu finden. Dahinter aber wachsen die Wüsten des Überhaupt-Nicht-Wissens: Mo-who? ¶
