Der Journalist und Reporter Thilo Mischke wird nicht Moderator des ARD-Kulturmagazins ttt, dies die erste Neuigkeit des neuen Jahres, sofern man sich für »Kultur« in deutschsprachigen Medien interessiert. Das tut der größere Teil der Menschheit eher nicht. Dafür ist der Aufruhr in der Bubble umso heftiger. Ist ein Mann mit seiner publizistischen Vergangenheit als Moderator von titel thesen temperamente zumutbar? Einer, der seine Reporterkarriere 2012 mit dem Band In 80 Frauen um die Welt gestartet hat? – Es kursieren Zitate, die sich längst nicht mehr so »höchst amüsant«, »mitreißend« und »anrührend« lesen, wie die Verlagswerbung damals versprach, als die Welt noch eine andere war. Über Sex mit ironischer Sprezzatura zu berichten, das kommt nicht mehr gut an, wo Fragen des zwischengeschlechtlichen intercourse empfindlicher behandelt werden, weil das Männer-Frauen-Ding sich gerade neu justiert, und gerade nicht als Trophäentagebuch, und gut so.
Aus welchen Zusammenhängen nun die Sätze, wie auch andere Äußerungen, etwa Grundsätzliches über männliche Gewaltbereitschaft gegenüber Frauen, im Sinne der Anklage extrahiert wurden, lässt sich zurzeit schwer nachprüfen, denn das 80-Frauen-Werk ist nicht mehr lieferbar, selbst das Online-Riesenantiquariat ZVAB listet es nicht. Man hört, dass für vorhandene Exemplare hohe Preise gezahlt werden. Der Autor wird davon nicht profitieren. Und nach der Entscheidung, ihn bei ttt wieder auszuladen, fliegen in der Bubble, aber mit Resonanzen bis in die Tagesthemen, die Empörungsstafetten hin und her, zwischen denen, die die Bestellung des »umstrittenen« (Wikipedia) Moderators empörend finden, und denen, die eben seine Abbestellung für einen Skandal halten. Und mit der Kündigung vor Einstellung wird die Aufregung mutmaßlich nicht enden. Alle irgendwie beschädigt, Mischke natürlich, die ARD sowieso.
Die Sache taugt zum Menetekel. Denn einmal mehr ist an den Pulskurven des Diskurses abzulesen, wie schwer es in der Ökonomie der Aufmerksamkeit Positionen haben, die sich um Differenzierung und ruhig Blut bemühen. Das beklagt jetzt auch die ARD-Programmdirektorin Christine Strobl zur Begründung des Rückzugs: Es sei gar keine offene Diskussion mehr möglich. Sie möchte jetzt zu einer »normalen Debattenkultur« zurückfinden. Der Wunsch ist fromm, wo nicht naiv. In der Reichweitenmechanik der sozialen Medien scheint nichts mehr zu gehen ohne Zuspitzung, ohne rhetorische Stärkungsmittel. Nun wird das Mitleid der öffentlichen Meinung mit dem öffentlich-rechtlichen System und seinen guten Wünschen seine Grenzen haben, denn es ist anzunehmen, dass der Mann Mischke genau dafür platziert werden sollte: für etwas mehr Pop und Pep in der langweiligen TV-Kultur. Und wirklich wundersam, wie plötzlich der Kultur-Oldtimer ttt, fast vergessen in der Spät-/Todeszone der special interest-Programme, zum heiligen Gral von »Kultur« mutiert, mit dem Amt des Moderators als krankem König, respektive Erlöser, je nachdem. Gemessen an solcher Fallhöhe war der Blick in seinen CV allerdings etwas schludrig. Kann passieren. Vom (nie umstrittenen) Vorgänger ist in zwanzig Jahren keine Ansage überliefert, die inspiratorisch-intellektuell mehr gewesen wäre oder hätte sein wollen als eben dies: Ansage. Es war vielleicht mal anders, lange her. Der ARD ist der Irrtum, das alles für doch bedeutsam zu halten, nachzusehen; verrückterweise glauben aber auch die ARD-Kritiker:innen an diese Relevanz-Chimäre. Regt euch ab. Wir hätten da noch ein paar andere Themen.
Muss das Gezänk um die attitude, gewesen oder aktuell, eines Ansagers im Spätprogramm der ARD die Society of Music interessieren? – Es sollte. Denn so wenig relevant das Magazin in den letzten Jahren für den Musik-, ja sogar für den gesamten Kulturbetrieb erschien: Es wäre doch der verbliebene Container für steilere Thesen, wichtigere Titel, inspirierende Temperamente. Eben etwas anderes als eine Kulturauftragserfüllungsersatzhandlung. Was »Kultur« sein könnte, was sogar »klassische« Musik relevant macht in den disruptiven, angstvollen Dynamiken, die wir gerade erfahren, das könnte man jetzt, wenn sich der Qualm um eine unglückliche Personalie verzogen hat, mal mutig, nämlich inhaltlich diskutieren. Wo ringsum so viel wackelt, wäre eine inhaltlich starke öffentlich-rechtliche Plattform schön. Keine, die die Hosen voll hat, wenn der nächste shitstorm naht. ¶


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