Wien im Winter, merkwürdig still, mitten im politischen Interim, das, wenn nicht noch ein Wunder geschieht, auf den »Volkskanzler« Kickl zulaufen wird. Die Wienerinnen und Wiener haben den Kickl eher nicht gewählt und scheinen in eine Art Winterschlaf der Ratlosigkeit gefallen zu sein, und der Kulturbetrieb tut, was er am liebsten tut: Er kreist um sich selbst. Im sanierten Theater an der Wien dreht und dreht sich ein nostalgisch hübsches Bilderbuchkarussell, eine überraschend belanglose Johann-Strauss-Ausgrabung: Das Spitzentuch der Königin (VAN berichtete). Das Stück ist eher keine glückliche (ja auch nicht als solche geplante) Wahl für die szenische Wiedereröffnung des Musiktheater an der Wien, aber es ist Johann-Strauss-jr.-Jubiläum, das ganze 2025 ist Feierjahr, jedenfalls fürs Stadtmarketing. Das ist der Rhythmus, wo jeder mit muss. Was die Beatles für Liverpool, Elvis für Memphis, das ist der Walzerkönig für Wien, lese ich beim Johann Strauss Museum, und überhaupt schreibt man Strauss mit -ss, mit dem ß tut es sich international schwer, eh. Dafür muss jetzt erklärt werden, dass der bayerische Richard nicht der vierte Bruder von Johann jr., Josef und Eduard ist, nichtmal ein brother in art. Das Strauss Museum gegenüber der Secession setzt auf New Dimensions der immersiven Museumsexperience, das Theatermuseum erzählt dagegen eher brav auf dem Zeitpfeil, hat aber die Originalpartitur der Fledermaus ausliegen, mit allerhand Gekritzel und Gestrichel, da kann man einem Welthit beim Werden zugucken. Nicht alle Reliquien und Dokumente sind so spannend wie das Standesamtregister, aus dem das Sippenamt auf Nazi-Befehl den Eintrag über den jüdischen Strauß/ss-Urgroßvater getilgt hat, zur Erhaltung einer reindeutsch schönen braunen Donau. Die parallelen Fledermaus– und Donaudauerbeschallungen im Hintergrund machen einem den Kopf etwas mürbe, er wird aber auch ein wenig schlauer, wie die Erfolgsgeschichten der Unterhaltungsunternehmerfamilie Strauss Söhne und die der Stadt Wien hier genial ineinanderwirkten und wirken, bis zur Erfindung des Neujahrkonzerts als dem weltweit reichweitenstärksten Event der klassischen Musik. Man sieht die Neujahrkonzerttaktstöcke von Boskovsky, Karajan und Thielemann in einer Vitrine zum Vergleich, Thielemann hatte den längsten.

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Von Strauß & Strauss nur ein paar Schritte weiter zur anderen Wiener Weltmusikberühmtheit, es ist der 269. Geburtstag von Mozart, und die Staatsoper zeigt eine neue Zauberflöte, wir befinden uns in der Kernzone der Wiener Musikkultur. Die drei Knaben sind Knaben von heute, auf ihren coolen Bikes kommen sie an einem finsteren Spukhaus vorbei. Hier erzählt die tschechische Regisseurin Barbora Horáková von der Liebe als Feuer- und Wasserprobe des Lebens, schon anrührend, wie Pamina (die im entscheidenden Prüfungsmoment vorangeht) und Tamino am Ende die Greisenpuppen ihrer selbst auf dem Rücken tragen, und nachdem alle ihre Rollenkostümierungen abgelegt haben, die doppelgesichtige Königin der Nacht und der doppelgesichtige Vorsitzende des Gentlemen’s Club Sarastro und überhaupt alle, lässt Horáková eine große Versöhnungsparty los.

Man kann das naiv finden, aber auch utopisch, der Blick ins Schönere, den braucht es ja auch, und irgendwie ist ja eben das auch sehr Zauberflöte. Papagenos Zauberglockenspiel, das die Bösen mit Klingklang befriedet, ist hier ein kleines Kurbelspielwerk. Auf einmal haben es fast alle in der Hand und kurbeln wie verrückt. Schöne Idee. So dreht und dreht es sich auch hier, leider unbegreiflich hektisch angetrieben von Bertrand de Billy, der für den kranken Franz Welser-Möst eingesprungen war. Im zweiten Teil lief’s ruhiger, aber da war alle Leichtigkeit, die es hätte haben können, schon dahin. Beim Rausgehen die üblichen Diskussionen: Saßen die Spitzen-f’s der Königin, war Zeppenfeld auch als Sarastro so toll, zeigte der Staatsopern-Debüt-Tamino von Julian Prégardien Nerven usw.? – Draußen am Albertinaplatz kommt man an Alfred Hrdlickas Mahnmal-Granit vorbei, den Opfern von Krieg und Faschismus gewidmet. Da steht es, und in ein paar Tagen hat Österreich seinen »Volkskanzler«. Schwer zu fassen. ¶

…ist Musikjournalist und war bis 2023 Professor für Musik und Medien an der TU Dortmund, wo er den Studiengang Musikjournalismus leitete. Er ist im WDR und Deutschlandfunk zu hören und schreibt u. a. für Opernwelt und die FAZ. 2020 erschien sein Buch ›World Wide Wunderkammer. Ästhetische Erfahrung in der digitalen Revolution.‹

Eine Antwort auf “Es dreht sich (Post aus Wien #5)”

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