Derzeit arbeiten 158 Juroren für den »PdSK e.V.« Diese Zahl kann sich in dem Augenblick, da Sie dies lesen, schon wieder geändert haben. Denn das Kürzel verrät, ausgeschrieben, dass es sich beim »Preis der deutschen Schallplattenkritik« um einen »eingetragenen Verein« handelt. Wie in allen deutschen Kleingartenkolonien, Sängertafeln, Sport- oder Taubenzüchterclubs greift auch hier das deutsche […]
Autoren-Archive: Eleonore Büning
… lernte Geige und Klavier, studierte Musik-, Literatur- und Theaterwissenschaft an der Freien Universität Berlin, promovierte über frühe Beethoven-Rezeption. Von 1994 bis 1997 Musikredakteurin der Zeit, von 1997 bis 2018 bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Seither wieder freelance unterwegs. Seit 2011 ist Büning Vorsitzende der Jury des Preises der deutschen Schallplattenkritik.
»Ich weiß nicht mal, was in Russland los ist.«
Im Zweifel für den Angeklagten: Dieser im Strafrecht verankerte Grundsatz gilt nicht in Kunstdingen. »Wie es wird, weiß man immer erst hinterher«, pflegte der große Kritiker Gerhard Rohde zu sagen, wenn ihm das Getratsche der Kollegen schon vor einer Premiere auf den Keks ging. Gut, dass mich ein anderer, nicht minder grimmiger Kollege, der sich […]
Trockenen Auges
Zurzeit wird täglich in Aix-en-Provence eine Frau geopfert, auf dem Feld der Ehre. Zur Eröffnung des Festivals, am ersten Premierentag, schlachtete der Priester Kalchas die Artridentochter Iphigenie, um dem Clan freie Fahrt in den Trojanischen Krieg zu verschaffen. Tags danach verbluteten Timna und Dalila, die beiden Bräute des biblischen Selbstmordattentäters Samson. Am dritten Premierentag entleibte […]
Das will ich haben! Da muss ich hin!
Ein Musikfestival muss nicht unbedingt ein Motto haben, um zu überleben. Aber es braucht Geld und eine Seele. Die Styriarte in Graz hat sowohl als auch. Die schmucke Landeshauptstadt der Steiermark ist wirtschaftskräftig, es gibt ein solides Aufkommen an privaten Sponsoren. Die Altstadt mit ihren Gassen und Palästen gehört zum Unesco-Weltkulturerbe. Was aber die Seele […]
Besser zu viel, als zu wenig
Sweet little sixteen – aber schon eine Hochdramatische. Männer umschwirr’n sie wie Motten das Licht. Es sind, um genau zu sein, sieben Männer, die innerhalb von knapp zwei Stunden von dieser geheimnisvollen Sängerin, Typ Schwarze Witwe, verbraucht werden: drei lyrische Tenöre, zwei sonore Bariton- und eine Basspartien sowie ein paillettenfunkelnder Operettentenor. Von dem Männerchor, der […]
»Wer rettet dich, trauriges Land?«
Frühmorgens, wenn es hell wird, keimt Hoffnung. Die Lerche steigt auf. Es ist Zeit zum Angriff. Von all dem kündet die »Aubade«, wie eine spezielle Tonmalerei in der Fachsprache genannt wird, vulgo: die Sonnenaufgangsmusik. Eine der feinsten, ergreifendsten Aubaden stammt von Modest Mussorgsky. Das Stück heißt Morgendämmerung an der Moskwa und ist so populär geworden, […]
Napoleon ist an allem schuld
Katja Petrowskaja, geboren in Kyjiw, ist Schriftstellerin. Sie studierte in Tartu, recherchierte in Stanford, promovierte in Moskau und lebt seit 1999 in Berlin. Dort lernten wir uns kennen in der Redaktion der FAS, für die sie, unter anderem, ihre Kolumne Die west-östliche Diva erfand. Meist schreibt sie ihre Texte auf deutsch. Für ihr Buch Vielleicht […]
Macht der Lügenmäuler
La Gioconda ist und bleibt ein legendäres Schmuddelkind. Heiß geliebt von den Sängern und vom belkantoaffinen Publikum. Aber belächelt unter Kritikern und gemieden – schon des schieren Aufwandes halber – von den Intendanten. Fünf erstklassige Interpreten sind gefragt, für die Hauptrollen. Anders geht es nicht. Drei machtvolle, historische Verrisse hat diese Oper von Amilcare Ponchielli […]
Never forget
Eine Auschwitzoper? Überraschung! Die Oper Пассажирка, zu deutsch: Die Passagierin – komponiert 1968 von dem polnisch-jüdisch-russischen Komponisten Mieczysław Weinberg –, ist keine. Auch wenn diverse Opernschaffende und Holocausthistoriker, von Frankfurt über Gera bis Graz, von London über New York bis Miami, sich vierzehn Jahre lang an die Regieanweisungen gehalten und SS-Leute in Uniform und Häftlinge […]
Da draußen ist was
Am Ende bleibt er mit seiner Knickhalslaute unten im Graben sitzen, bei den Musikern der Kapelle. Packt schon mal die Noten zusammen, fertig zum Abmarsch. Vom Rang aus ist der Ud-Spieler Nassib Ahmadieh gut zu sehen. Vielleicht hatte man, aus Gründen der Abendspielleitungsroutine, schlicht vergessen, ihn auf die Bühne zu holen, ins Licht, wo all […]
