Zurzeit wird täglich in Aix-en-Provence eine Frau geopfert, auf dem Feld der Ehre. Zur Eröffnung des Festivals, am ersten Premierentag, schlachtete der Priester Kalchas die Artridentochter Iphigenie, um dem Clan freie Fahrt in den Trojanischen Krieg zu verschaffen. Tags danach verbluteten Timna und Dalila, die beiden Bräute des biblischen Selbstmordattentäters Samson. Am dritten Premierentag entleibte sich dann Butterfly mit dem Samuraischwert ihres Vaters. L’opéra ou la défaite des femmes heißt ein Longseller der französischen Autorin Catherine Clément aus den neunziger Jahren, zu deutsch: Die Frau in der Oper: Besiegt, verraten und verkauft. Clément war eine der ersten, die das Schicksal all dieser Butterflys, Isoldens, Aidas, Lulus, Carmens und Melisandens untersuchte und verglich. Sie kam zu dem Schluss: Männlicher Chauvinismus ist ein starker traditioneller Grundpfeiler der Gattung. Opernschaffende müssen sich dazu verhalten.

Die heilig-nüchterne Analytikerin Andrea Breth tut das auf ihre Art, indem sie geknechtete Opernfrauengestalten umfrisiert und manchmal sogar aus den Ketten der Klischees befreit. Zum Beispiel hat sie vor zwei Jahren in Aix eine Salome-Inszenierung gezeigt, in der die Protagonistin als ein ungewöhnlich sympathisches, junges, unschuldiges Ding auftritt, noch nicht ganz »femme« oder vielmehr: eher »fragil« als »fatale«. Diesmal brachte Breth Madama Butterfly von Giacomo Puccini auf die Open-Air-Bühne des Théâtre de L’Archevêché: ein Rührstück aus der Kolonialzeit. Der in Nagasaki stationierte US-Marineoffizier Pinkerton »heiratet« zum Scherz nach japanischem Ritus eine fünfzehnjährige Geisha, Cio-Cio-San, er schwängert und verlässt sie. Drei Jahre wartet sie darauf, dass er zurückkehrt. Als er wiederkommt, in Begleitung seiner amerikanischen Gattin, dann nur, um das Kind mitzunehmen. Da ihre Familie sie längst verstoßen hat, gibt es für Cio-Cio-San keinen anderen Ausweg: »Ehrenvoll sterbe, wer nicht mehr in Ehren leben kann« steht eingeritzt auf dem Samuraischwert ihres toten Vaters, das sie aufbewahrt hat. Sie folgt seinem Beispiel.


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… lernte Geige und Klavier, studierte Musik-, Literatur- und Theaterwissenschaft an der Freien Universität Berlin, promovierte über frühe Beethoven-Rezeption. Von 1994 bis 1997 Musikredakteurin der Zeit, von 1997 bis 2018 bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Seither wieder freelance unterwegs. Seit 2011 ist Büning Vorsitzende der Jury des Preises der deutschen Schallplattenkritik.