Im Zweifel für den Angeklagten: Dieser im Strafrecht verankerte Grundsatz gilt nicht in Kunstdingen. »Wie es wird, weiß man immer erst hinterher«, pflegte der große Kritiker Gerhard Rohde zu sagen, wenn ihm das Getratsche der Kollegen schon vor einer Premiere auf den Keks ging. Gut, dass mich ein anderer, nicht minder grimmiger Kollege, der sich noch nicht, wie Rohde, in die ewigen Jagdgründe verabschiedet hat, neulich in Salzburg wieder an ihn erinnerte. Von den zehn Opernpremieren (eingerechnet Wiederaufnahmen und Konzertantes), die Salzburgs Intendant Markus Hinterhäuser heuer für dieses einst wichtigste Sommermusikfest der westlichen Welt programmierte, hatte ich bis dato nur eine einzige besichtigt und wollte nun, mit der Begründung, alles andere sei nicht von Belang, gerade wieder abreisen. Doch ich blieb, nachdem mir, quasi aus dem Grab heraus, die Leviten gelesen worden waren, noch für zwei weitere große, szenische Neuproduktionen. Hier das Ergebnis, in Kürze, auf einer Skala von eins bis zehn. 


Nur drei Punkte gibt es für die Neuproduktion von Jacques Offenbachs Oper Les Contes d’Hoffmann. Dieses Stück darf man in Salzburg einfach nicht versemmeln! Es wird doch so viel gespielt, überall, und wegen seiner Evergreens vom Publikum aufrichtig geliebt! Selbstbewusst setzte sich der alte Offenbach kurz vor seinem Tod noch einmal zwischen alle Genre-Stühle und hinterließ ein vollendet-unvollendetes Meistermachwerk. Selbst die hirnrissigsten Regiekonzepte können dieses genial auseinandergeklappte Triptychon der Sublimation nicht beschädigen. Die Musik, kühn erfunden, kraftvoll organisiert, ist allemal stark genug. Diesmal war das anders. Marc Minkowski, als Offenbach-Experte bekannt und zugleich Spezialist für historisch informierte Aufführungspraxis, ruderte gegen unsichtbare Hindernisse an. Er kam mit den Wiener Philharmonikern nicht zurecht, oder die nicht mit ihm. Grob tönte das, akademisch durchbuchstabiert, oftmals einfach zu laut. Auch die Regisseurin Mariame Clément rackerte sich sinnlos, aber kleinteiligst ab bei diesem ihrem Salzburg-Debüt. Ihre Devise lautet wohl: Klappe! Action! Hauptsache, die Bühne ist voll! 


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… lernte Geige und Klavier, studierte Musik-, Literatur- und Theaterwissenschaft an der Freien Universität Berlin, promovierte über frühe Beethoven-Rezeption. Von 1994 bis 1997 Musikredakteurin der Zeit, von 1997 bis 2018 bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Seither wieder freelance unterwegs. Seit 2011 ist Büning Vorsitzende der Jury des Preises der deutschen Schallplattenkritik.