Ein ausgesprochen vernünftiger, dennoch häufig missachteter Gedanke ist es, den Matthias Davids, Regisseur der diesjährigen Bayreuth-Premiere, im Münchner Merkur-Interviewformulierte: »Man sollte als Regisseur ehrlich zu sich und dem Publikum sein, denn wirklich clever ist man nur, wenn man die clevere Idee auch wieder verwirft, wenn sie nicht trägt.« Davids’ redlich poppige, nicht unsympathische, etwas harmlose neue Inszenierung der Meistersinger von Nürnbergist in diesem Sinn sehr, vielleicht allzu vernünftig. Valentin Schwarz’ Bühneneinrichtung des Ring des Nibelungen hingegen, die heuer in ihre letzte Saison geht, ist hochgradig unvernünftig. Während Davids auch in Kleinigkeiten möglichst dicht am Libretto bleiben will, scheint Schwarz in seiner Regie von 2022 regelrechten Ehrgeiz darein zu legen, noch im geringsten Detail gegen das Textbuch zu inszenieren: nicht un-, sondern antiwörtlich. Das musste und muss heftige Ablehnung bei Teilen des Publikums hervorrufen. Allerdings gewinnt Schwarz’ Regie beim Wiedersehen in manchen starken Momenten und gelungenen Akten. Tosenden Groll löst sie jetzt kaum mehr aus, ja beim einen oder anderen Zuschauer weckt sie gar Sympathie für derart tollkühne Unvernunft; immerhin der Unvernunft eines offensichtlich hochbegabten Regisseurs.

Das liegt auch daran, dass dem mitunter abwegigen, aber immer plastischen Bühnengeschehen ein höchst plastisches Dirigat von Simone Young korrespondiert, das niemals abwegig ist. Andere mögen Wagner »sinfonischer« dirigieren, soghafter, aber wohl derzeit kaum jemand theatralischer und bildgenauer. Es wirkt rhythmisch ungemein präzise, doch stets agogisch genau durchdacht, mit viel Luft für die Sänger und das seltsam-konkrete Geschehen auf der Bühne. Dabei ist alles von großer, handfester Sinnlichkeit: Da zaubern die Feuer, flirren und donnern Gewitter (jene des Himmels und der Gefühlshaushalte), funkeln Sonnenstrahlen durchs Waldweben.


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… lebt in Berlin, liebt Musik, schreibt Romane: u.a. ›Beethovn‹ (2020). Zuletzt erschien ›Silence‹. ✉️ KonzertgaengerBerlin@gmail.com