Dieser Johann Strauß ist anscheinend eine Verlegenheit, aber nicht, wie man erwarten könnte, außerhalb von Österreich, sondern innerhalb, ja selbst in Wien. Zumindest, wenn man österreichischen Kritikerstimmen folgt, die die justament am 200. Geburtstag, also dem 25. Oktober, premierte Neuinszenierung von Eine Nacht in Venedig einhellig verrissen und zerbissen: »Mummenschanz ohne Stimmenglanz« (Der Standard), im Boulevardton »absoluter Tiefpunkt« (Kronenzeitung), im Qualitätszeitungston »keineswegs der Tiefpunkt – eine Enttäuschung war’s trotzdem« (Die Presse). Die berüchtigte Krone ist es auch, die den unbarmherzigsten Knock-out setzt: »Wenn dem Strauss-Jahr bisher eines am allerbesten gelungen ist, dann zu zeigen, dass die Werke des Walzerkönigs auf den Bühnen seiner Heimatstadt kein Leiberl mehr haben« – um der Wiener Malaise dann ausgerechnet ein Gastspiel des Münchner Gärtnerplatztheaters entgegenzuhalten! Das ist schon Höchststrafe.
Also, ich gestehe, in eine derart zugrunde rezensierte Neuproduktion wie diese der Wiener Volksoper gehe ich dann gerade gern und neugierig rein. Man kann nämlich im Grunde nur gewinnen: Entweder wird man doch positiv überrascht, oder man braucht, wenn’s allzu arg wird, nicht mal Champagner, denn ein paar Schritte die Währinger Straße hinunter liegt das Statt-Beisl des WUK, wo es sogar belgische Starkbiersorten wie Chouffe und Chimay gibt, mit denen man sich noch die größte Straußrupfung schöntrinken könnte.
Und nun zeigt sich, dass in der ersten Aufführung der Nacht in Venedig nach der Premiere das Publikum viel und lauthals lacht. Die Kriterien der gemeinen Zuschauerschaft, oder größerer Teile derselben, sind eben oft andere als jene der gehobenen Kritikasterzunft, was natürlich deren begründetes Urteil keineswegs desavouiert, aber ebenfalls sein gutes Recht hat. »Man« amüsiert sich auch ohne Licet. Und das sind eben alles Aspekte von Vielfalt, wie noch manch anderes in der diesjährigen Wiener Straußjubiläumspflege. Da flatterte auch im Theater an der Wien eine eigene Fledermaus los, stellt das Haus der Musik eine Sonderausstellung, informiert das Museum für Angewandte Kunst unter dem Titel JOHANN STRAUSS: RAUSCH UND EKSTASE über »Feministischen Ausdruckstanz im Plakat 1900 bis 1933«, legt das Jüdische Museum in »Geheime Reichssache Johann Strauss« die Nazi-Arisierung des Komponisten dar. Und wenn einem alles zu viel wird, dann gibt es noch im MuseumsQuartier einen thematischen »Escape Room« von Deborah Sengl: »Ausgangspunkt ist Johann Strauss, der zu Lebzeiten zunehmend Gefangener seines Ruhms wurde.«
Nur die Frage, ob nun herkömmlich Strauß oder doch globalkompatibel Strauss zu schreiben sei, bleibt unentschieden. Über die komplexe Totalheit der Causa informiert seitens des Wiener Instituts für Strauss-Forschung quellensatt und en détail ein gewisser Prof. Dr. Eduard Strauss, seines Zeichens Urur- oder Urururenkel, und zwar unter der Überschrift Strauß oder Strauss, die sich allerdings in Zeiten des neumodischen Internetdingsbumses in der URL nur als …strauss-strauss wiedergeben lässt. Für den überseetouristentauglichen »Strauss« optiert natürlich das House of Strauss im historischen Casino Zögernitz im 19. Bezirk wie auch das recht neue Johann Strauss Museum New Dimensions am Karlsplatz gleich gegenüber der Secession, welches den Besucher mit keinerlei Exponat belämmert, sondern eine interaktiv-multimedial-immersiv-undsoweiterige Show bietet (ein bisschen wie diese internationalen Dalí-Ausstellungen, die kein einziges Dalí-Bild haben). Das ist eben etwas anderes als die gute alte Komponistenwohnung mit knarzenden Dielen, in dem Fall die »Johann Strauss Wohnung«, ehem. »Johann-Strauß-Wohnung«, auf der anderen Seite des Donaukanals, knapp vorm Wurstelprater.
In der Wiener Volksoper schreibt man weiterhin »Strauß«. Zumindest, wenn nicht gerade ein Malheur passiert wie jener kürzlich in sozialen Netzwerken herumgereichte Programmzettel, auf dem als Komponist der Fledermaus ein gewisser »Wolfgang Amadeus Mozart« genannt wird. In dieser Volksopern-Fledermaus singt Annette Dasch die Rosalinde, und der legendäre Gerichtsdiener Frosch ist da eine Gerichtsdienerin (Sigrid Hauser), so dass der Traditionalist trotz ansonsten eher konventioneller Inszenierung glatt noch fürchten muss, dass demnächst die Fledermäusin von der Frau Mozart aufgeführt wird, oder wer weiß was.
Aber manches bleibt doch auch stabil. Diese circa eintausendneunhundertste Aufführung der Fledermaus seit dem Jahr 1906 könnte das Hausorchester der Volksoper vermutlich auch mit auf dem Rücken zusammengebundenen Händen spielen (die hat’s in der DNA, wie man heute sagt). Und das, mit DNA auf dem Rücken und so, gilt sicher auch für Eine Nacht in Venedig, die in dieser Folgeaufführung nach der Premiere insgesamt zum 525. Mal an der Volksoper seit immer gegeben wird. Da will der tüchtige Dirigent Alexander Joel (bei dem man stets erwähnt, dass er der Bruder von Billy Joel ist) verständlicherweise die Gondel nicht neu erfinden, denn das Orchester hat ohnedies atmende Linie, will heißen variable Rubati, auf der Zwei und der Drei, wenn es walzerig wird, aber auch überhaupt. Und einigermaßen schlank schwingt’s daher, denn aufgeführt wird die original instrumentierte Wiener Fassung von 1883 (wenn auch undogmatisch mit ein paar beliebten Extra-Nummern), nicht etwa die vierzig Jahre später nachverdickte Retusche von Erich Wolfgang Korngold, die lange Zeit dominierte.
Sängerisch ist da Licht und, das muss man doch sagen, nicht unerheblicher Schatten, wobei dem Herzogs-Tenor von Lucian Krasznec einiges an Schmelz, Poesie und Charme abgeht, die man sich in so einer Operette erhoffen würde. Und der Lagunenwalzer im dritten Akt ist von David Kerber mit engem Tenor recht eindimensional verklamaukt zu hören. Mehr Freude machen etwa Jakob Semotan als Pastakoch Pappacoda, dessen Bariton schön al dente ist, also festen Kern und sugoempfängliche Textur hat, und die herrlich trällernde Soubrette Lauren Urquhart als Fischerin Annina. Erfreulich auch der Chor, der mal samtig klingt, mal maliziös, etwa in der Huldigung an den Herrn Senator:
Deine größten Gedanken,
Du hältst sie in Schranken,
In sicherem Verschluss,
Du bist ein Pfiffikus!
Solche Perlen des Geistes
Sind kostbar, du weißt es,
Du trägst sie versteckt,
Wo sie kein Mensch entdeckt!
Eine der wenigen Perlen des Textes ist das, in diesem Libretto von Zell und Genée, wo sich Campanile auf Abendkühle reimt oder die Fische sind stumm auf die Austern sind dumm. In den neuen Zwischentexten von Fabian Pfleger gibt es freundlichen Feminismus und zahme bis zahnlose Politsatire. »Lustig! Zeitgenössische Kunstfiguren!«, befindet indes eine Zuschauerin über die quietschbunten Karnevalskostüme von blau-rot (Superwoman) über grün (Hulk) bis schwarz (Batman), auch Super Mario und Marilyn Monroe und einige mehr sind bei der Karnevalsparty. Zu den Nebenpointen gehört übrigens, dass eine gestrenge Premierenkritikerin die Greta-Thunberg-Karikatur für Asterix und den Joker für den Papa der Addams Family hält. Populärkulturkompetenz ist also nicht nur bei Strauß eine Verlegenheit.
Die Regie von Nina Spijkers kümmert sich bodenständig und nicht unsympathisch um Diversifizierung und Aufwertung der Frauenfiguren (beispielsweise dürfen auch ältere Frauen hier sexuelle Lust signalisieren, ohne dadurch wie sonst so oft komische Schachtel zu werden). Das papierweiße Bühnenbild vom Studio Dennis Vanderbroeck ist allerdings doch ein bisschen arg farblos, selbst wenn es immer mal so oder so angestrahlt wird, und an Form ist hier ein halbrundes Fenster das exzessivste der Gefühle. Auf Dauer öde, der Absent / von bunter Farb’ und Ornament. »Da sehnt man sich nach Zuhause, wenn man diese Inszenierung sieht«, klagt eine Besucherin in der Pause. Eine ganz betagte Dame befindet jedoch: »Der Jugend gefallt’s!« Und ganz betagten Wiener Damen widerspricht man nicht. Außerdem wäre das ja nun nicht gerade das schlechteste Schlusswort für so ein Johann-Strauß- oder Strauss-Jahr, das natürlich erstmal noch zwei Monate weitergeht. Und das, wie es für Jubiläen immer gilt, ohnehin nur der Auftakt für die nächsten 200 Jahre sein sollte. ¶

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