An den Moment der Gralsenthüllung darf man hier, in der Stadt des weltberühmten Genter Altars, der ursprünglich nur dreimal im Jahr zu den höchsten christlichen Festen geöffnet wurde (eine überwältigende Wirkung muss das gewesen sein), wohl die allerhöchsten Erwartungen haben. Doch im Genter Opernhaus – das mit dem dortigen Musikfestival nichts zu tun hat – machen sich, als der neue Parsifal sich der ersten Öffnung des Gralsschreins nähert, erhebliche Befürchtungen bemerkbar. Zu dick ist der Dauerfluss von Zelebration und Mummenschanz, Bilder- und Gestenflut schon seit Aufführungsbeginn, als dass sich noch große zeremoniöse Steigerung ereignen könnte. Und auch der Dirigent Alejo Pérez hat bereits den Beginn des Vorspiels in so mezzofortigem piano genommen, dass spätere Steigerungen nicht leichtfallen.

https://www.youtube.com/watch?v=usUNnxCnUtI

Doch dann, zu dieser ersten Gralsenthüllung, trifft Regisseurin Susanne Kennedy eine spannende Entscheidung, vielleicht die beste ihrer ganzen Inszenierung. Sie stellt nämlich zum Kultvollzug den herbeigelaufenen, noch namenlosen Parsifal ins Zentrum der Bühne und aller Aufmerksamkeit: also den staunenden Betrachter der Prozedur, nicht diese selbst. Wir sehen hier im Mittelpunkt den Zuschauer, sehen ihn nichts begreifen, aber in ringender Ratlosigkeit der Erleuchtung sich nähern. Und das vor dem Hintergrund einer permanent sich öffnenden und schließenden videoprojizierten Vagina: die Initiation in den Ritus als Geburt des wahren Menschen.


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… lebt in Berlin, liebt Musik, schreibt Romane: u.a. ›Beethovn‹ (2020). Zuletzt erschien ›Silence‹. ✉️ KonzertgaengerBerlin@gmail.com