Durch den Vorhang I: Aha-Erlebnisse
Mein erster Lutosławski war ein Aha-Erlebnis: Ich hatte gerade begonnen, gelegentlich in Konzerte mit sogenannter moderner Musik zu gehen – ohne musikwissenschaftliches Spezialwissen, ohne kultische Verehrung dieses großen N in Neuer Musik. Nur mit offenen Ohren. Konversation mit der Musik statt Konversion. Einfach zuhören. Aber leichter gesagt als geschafft. Ich hörte öfter Nachkriegs-Avantgarde, sozusagen Donaueschinger Barock und Darmstädter Klassik, Serialistisches, Durchdeterminiertes. Boulez, Stockhausen, Nono, die berühmten Namen halt. Doch meine Ohren blieben oft verschlossen.
Dann geriet ich bei einem Kammermusikabend, zwischen Haydn und Beethoven, an Witold Lutosławskis Streichquartett. Und diese Musik riss mich unmittelbar mit, so direkt, wie ich es mir nicht hatte vorstellen können. Sie klang komplex, aber ich hatte das Gefühl, dass ich ihr einfach folgen konnte. Und mehr noch: dass ich ihr folgen wollte. Nicht obwohl, sondern weil sie komplex schien. Das Prinzip Spannung/Entspannung ließ sich leicht fassen, es war ja körperlich spürbar. Die vier Streicher sammelten sich anfangs immer wieder auf demselben Ton in verschiedenen Höhen (einem C, wie ich später las), bevor sie von neuem in verschiedene Richtungen losflirrten, sausten, sangen. Um dann auf das verabredete Signal hin alles abzubrechen und sich wieder zu treffen. Ein Spiel, so nervös wie kompakt.

