Eine Landpartie mit der Lautten Compagney.

Text · Fotos © Marcus Lieberenz · Datum 21.3.2018

Wer bei den Aequinox-Tagen in Neuruppin dabei ist, kann sich nicht vorstellen, dass irgendein Festival bezaubernder sein kann als dieses. Und irgendeine Altneu-Musik-Combo freier als die Berliner Lautten Compagney. Aber hinter Zauber und Freiheit steckt eine Menge Arbeit – und manchmal harter Kampf, wie man bei der Begegnung mit Wolfgang Katschner erfährt.

Den Heiligen Lazarus kann wohl kein Ton erschüttern. Denn wer, wenn nicht er, wird schon alles vernommen haben, was sich nur hören und träumen lässt an merkwürdigen, bizarren Klängen aus Diesseits und Jenseits? Aber selbst der von den Toten Auferweckte und Schutzpatron der Kranken dürfte verblüfft aufgehorcht haben, was es da in der kleinen Siechenhauskapelle von Neuruppin kurz vor Mitternacht zu hören gab.

Und zu sehen. Denn wie die junge sorbische Musikerin Carolina Eyck eine unsichtbare Saite streicht oder mit geschmeidigen Fingern schwebende Klänge aus der Luft herauszieht, ist ein betörender Anblick. Aber keine Magie, sondern Elektromagnetik. Und es hat auch was von nostalgischer Science Fiction, dieses Theremin (das der Physik-Nerd sich auch selber basteln kann). Der Spieler berührt das Gerät nicht, sondern beeinflusst mit seinen Händen die Schwingungen eines elektromagnetischen Felds, die von zwei Antennen ausgehen und dann verstärkt und über einen Lautsprecher als Töne ausgegeben werden. Sphärische Töne. Aetherophon nannte der Cellist und Physiker Lew Thermen seine Erfindung 1920 zunächst. Lenin bat ihn zu einer Privatvorführung in den Kreml.

Carolina Eyck spielt in der spätgotischen Kapelle nicht nur fantasiereiche Eigenkompositionen, sondern musiziert auch im Trio mit dem Flötisten Martin Ripper und dem Lautenisten Wolfgang Katschner, Gründer und Chef der Lautten Compagney. Das Theremin ist wie gemacht fürs mysteriöse Ostinato einer Biber-Passacaglia. Übernimmt es hingegen die Singstimme in When I Am Laid in Earth, klingt Purcell auf einmal irritierend nach Morricone. In den Bearbeitungen aus Bachkantaten und dem  Musikalischen Opfer aber springt der Funke über. Und erst recht in Guillaume Dufays Gloria ad modum tubae, der heimlichen Hymne dieses Aequinox-Festivals: Mit seinen beiden kanonischen Stimmen über einer meditativ sich wiederholenden, fanfarenhaften Quarte klingt diese Musik aus dem 15. Jahrhundert fast wie Philip Glass.

So kommt in diesem nächtlichen Konzert in der Kapelle einiges zusammen, was typisch ist für Aequinox und die Lautten Compagney: Die Freude an überraschenden Begegnungen. Die Lust an Spiel und spielerischen Experimenten. Und die Atmosphäre eines Ortes, der noch vor 25 Jahren verfallen war und den bürgerschaftliches Engagement wieder zum Leben erweckt hat. Aber mit Auferweckungen hat der Heilige Lazarus ja so seine Erfahrungen.

Wunderliche Begegnungen

Kontrastieren, Konfrontieren, Mischen und Aufmischen ist bei der Lautten Compagney Programm. Aber eben nicht um des Effektes willen und schon gar nicht aus Provokation um der Provokation willen, sondern immer mit Witz, Selbstironie und fast kindlicher Experimentierlust. Das schließt mystische Erfahrung nicht aus, quasi als Überschuss. Ein Jahr vor der Theremin-Erscheinung hatten in der Siechenhauskapelle Heinrich Ignaz Franz Bibers Rosenkranzsonaten ein nächtliches Blind Date mit Tangos von Astor Piazzolla. Beim diesjährigen Aequinox-Festival traf persische Musik aus dem 12. Jahrhundert auf europäische Frührenaissance des 14. bis 16. Jahrhunderts. In den stets wechselnden Takten etwa fanden sich Berührungspunkte zwischen den polyrhythmischen Motetten des Abendlands und der mikrotonalen Musik des Morgenlands, die erst 1908 schriftlich fixiert wurde. Noten lesen kann der gründlich ausgebildete Musiker Jawad Salkhordeh, der die persische Trommel Tonbak und die Langhalslaute Setar spielt, darum noch lange nicht – im Gegensatz zu Alireza Mehdizadeh an der Kamantsche, der iranischen »Stachelgeige«. So oder so funktionierte das Zusammenspiel mit den fünf Musikern der Lautten Compagney (neben zwei Lauten Gambe, Blockflöte und Posaune) außerordentlich. Die Schauspielerin Pegah Ferydoni erzählte, sang, turtelte und krakeelte dazwischen sehr pointiert Fariduddin Attars sufische Vogelgespräche nach.

Wunderliche Begegnungen im Minutentakt gibt es bei den Wandelkonzerten, in denen es von Station zu Station geht, immer an anderen Orten. Dieses Jahr war es das 35 Kilometer von Neuruppin entfernte Wittstock, ein wichtiger Schauplatz des 30jährigen Krieges und zugleich ein Ort, an dem noch ganz andere Erinnerungen leben: Wenn der Gambist Benjamin Dreßler in einer Ausstellung über den VEB Obertrikotagenbetrieb Ernst Lück vor einem knallroten FDGB-Banner so originelle wie modern scheinende Kompositionen von Tobias Hume aufführt, in denen die Gambe akkordisch oder col legno gespielt wird, dann fragt man sich, was uns Heutigen ferner und fremder ist – die seit 400 Jahren oder die seit 30 Jahren vergangene Welt.

Bei Bach gibt’s Stress

Unter dem Schlagwort Crossover wird sowas manchmal vermarktet. Da ist Wolfgang Katschner pragmatisch: Man muss einfach manchmal Marken oder Labels oder Begriffe haben, unter denen viele Leute sich was vorstellen können. Dann kann das gerne auch Crossover heißen, das stört mich nicht. Genauso wie der Begriff „alte Musik“ – genauso blöd.

Etiketten sind bloß ein Mittel zum Zweck, und der Zweck ist lebendiges Musizieren. Wichtiger als Worthülsen ist Katschner, was das Hörbarmachen konkret musikalisch bedeutet.

»Basso continuo ist ja eine Begleittechnik des 17. und 18. Jahrhunderts, die sehr viel mit Fantasie und auch Improvisation innerhalb von bestimmten Regeln zu tun hat. Und das ist natürlich was, wofür die Lauten, Theorben, also unsere Instrumente prädestiniert sind. Das ist etwas, was wir wahnsinnig gerne machen und wo wir in unserem Ensemble versuchen, mit möglichst vielen Farben von Instrumenten ganz unterschiedliche Klangbilder zu erzeugen. Insofern ist Basso continuo für uns ein großes Thema.«

Lebendiges Musizieren: Vermutlich könnte sich die Musik eines Samuel Scheidt, eines Carl Rosier, eines Philipp Jacob Rittler sterbenslangweilig anhören, würde einfach das vorgefundene karge Notenmaterial abgespielt. Aber wie sie da im Eröffnungskonzert des Festivals erklingt, angeleitet von der Geigerin Birgit Schnurpfeil und befeuert vom Schlagzeuger Peter Bauer, ist es nicht (nur) gelehrt, sondern aufregend musikantisch.

Gibt es bei so viel Experimentierlust manchmal auch Gegenwind? Bei dieser Frage zögert Katschner keinen Moment: Bach, antwortet er wie aus der Pistole geschossen. Immer bei Bach. »Bachmotetten ohne Worte, da gibt’s richtig Stress«. Von Gralshütern, Kritikern, Veranstaltern.

Freiheit und andere Probleme

So beglückend musikalische Freiheit klingt, so zwiespältig ist sie, wenn es um die soziale Existenz des Künstlers geht: Freier kann ein Synonym für Sklave sein. Das Improvisieren nicht nur in musikalischen Dingen ist der Lautten Compagney allerdings in die Wiege gelegt. So dürfte es gewesen sein, als zwei Ost-Berliner Musikstudenten sich nicht mehr nur für klassische Gitarre, sondern auch für Led Zeppelin interessierten. Und so war es gewiss, als die beiden sich für Lauten zu interessieren begannen. Da waren Wolfgang Katschner und Hans-Werner Apel, die 1984 ein Lauten-Duo gründeten, zunächst auf Mitbringsel aus dem Westen angewiesen, bis es ihnen gelang, einen Gitarrenbauer im Vogtland zur Herstellung von Lauten zu überreden. Repertoire und Besetzung erweiterten sich mit der Zeit.

»Das liegt in der Natur des Instrumentes. Für Laute gibt es ja wahnsinnig viel Solomusik, aber das sind immer bearbeitete Tänze oder Lieder. Und dann fängt man irgendwann an, ach, ich will das mal mit einem Sänger, ich will diese Tänze mal im Original machen und dazu Begleitung oder Continuo spielen. Und so hat sich das erweitert. Und dann Mitte der 90er Jahre haben wir dann gesagt, wir wollen das Ensemble erweitern. Das ist keine Perspektive, bis zur Pensionierung nur Laute zu zupfen und nichts weiter sonst … Also haben wir ganz gezielt angefangen, ein gemischtes Ensemble aufzubauen, mit dem man sehr viele unterschiedliche Dinge machen kann und wo immer unsere Instrumente eine wichtige Rolle spielen.«

Bis heute erhält die Lautten Compagney keine Basisförderung, selbst jetzt, da sich im Land Berlin die Dinge drehen, mit dem umtriebigen neuen Kultursenator Klaus Lederer und mit finanziellen Möglichkeiten, wie es sie lange nicht gab. So hangelt sich das Ensemble, das am Weddinger Leopoldplatz seine Proberäume hat, von Projekt zu Projekt, von subventioniertem Konzert zu subventioniertem Konzert. Apel und Katschner fungieren als Inhaber einer GbR, die die beteiligten Musiker beauftragt und bezahlt. Und als Öffentlichkeitsarbeiter in eigener Sache: Immer wieder Aufmerksamkeit zu erregen ist ja eine Überlebensfrage für ein nicht-institutionalisiertes Ensemble.

»Wir sind Meister der effektiven Arbeit und absolute Spar- und Rechenkünstler. Aber manchmal würde man sich einfach ein ganz kleines bisschen mehr Ruhe wünschen. Etwas mehr Luft. Etwas mehr Unterstützung wäre toll.«

Wenn zwei sich finden

Vagabundenleben: durch die Konzerträume der eigenen Stadt (oft Gethsemanekirche, Villa Elisabeth, Radialsystem) und durch die weite Welt. Stockholm, Schmalkalden, Fulda, Kasachstan, Hongkong. Ein Fixpunkt im Jahreskalender der Lautten Compagney ist seit 2010 das brandenburgische Neuruppin, die preußischste aller preußischen Städte: 1787 niedergebrannt und als klassizistische Modellstadt wiedererrichtet.

Wiedererrichtung noch immer. Denn so prachtvoll die Stadt wieder glänzt, sind die großen Einschnitte der letzten Jahrzehnte noch immer spürbar: der städtebauliche Verfall zu DDR-Zeiten, der große wirtschaftliche Aderlass nach der Wiedervereinigung. Samstagabends treten sich außerhalb der warmen Jahreszeit, wenn die Touristenströme fließen, die Menschen in der Innenstadt nicht gerade auf die Füße. Und von warmer Jahreszeit kann zur Tag- und Nachtgleiche im März nicht die Rede sein. Zwar soll es schon herrlich frühlingshafte Festivaltage gegeben haben. Aber der Besucher ist gut beraten, wollene Socken einzupacken, zumal wenn er Konzerte in großen Kirchen zu besuchen gedenkt. Denn das musikalische Feuer heizt Herz und Seele auf, nicht aber die Zehen.

Was jedoch ebenso wärmt wie die Musik, ist der beeindruckende Einsatz der beteiligten Neuruppiner. Wäre Gabriele Lettow nicht eine gestandene Frau, die vor Energie und guter Laune beinahe platzt, so würde man sie als Mädchen für alles bezeichnen: Cheforganisatorin, Sparkassendirektorenflüstererin und Lokalpolitikerbecircerin, Festrednerin. Immer wieder begegnet man in ostdeutschen Städten mit großer Vergangenheit, viel Potenzial und schwieriger Gegenwart dieser Sorte Mensch, die unermüdlich anpackt, plant, kämpft und eher lauthals lacht als auch nur leise jammert. Lettow ist umgeben von ehrenamtlichen Helfern, die man engagierte Bürger nennen könnte oder, pathetischer, die guten Seelen eines Gemeinwesens.

Bei einem Gastspiel der Lautten Compagney in der Siechenhauskapelle, deren Förderverein von der Hotelbetreiberin Lettow geleitet wird, entstand die Idee eines regelmäßigen Festivals. Dass Katschner aus der Ruppiner Region stammt, machte das Projekt noch verlockender. Das Thema Tag- und Nachtgleiche war schnell gefunden: Es reißt Assoziationen auf von Gleichgewicht, von Wandel und Berührung der Sphären. Auch wenn zur zweiten Tag- und Nachtgleiche im Herbst ebenfalls ein Konzert stattfindet, liegt der Haupttermin im Frühjahr. Denn das ist eine günstige zeitliche Nische für ein Festival. Auch an eisigen Tagen ist zumindest die Ahnung von Frühling da, und die Osterzeit und der Karfreitagstrubel mit ihrer Schwemme an musikalischen Ereignissen sind gerade noch weit genug weg. Und die Beteiligten behalten in der kalten Luft einen klaren Kopf, um alles auf Kante zu planen und zu kalkulieren.


Neuruppin Tag und Nacht. Theremin und Bach. Biber und Piazzolla. Frührenaissance und iranische Stachelgeige. Mit der Lautten Compagney und Albrecht Selge in @vanmusik.

Vor allem aber ist Aequinox eine Art Labor. Die meisten Programme der Lautten Compagney sind Premieren, deren ausgefeilte Dramaturgie sich hier bewähren muss, bevor sie ihren Weg antreten. Ein Labor mit familiärer Atmosphäre.

Eine Erfolgsgeschichte also, für die Lautten Compagney ebenso wie für Stadt und Region Neuruppin. Und auch persönlich. Wenn Katschner und Lettow zur Begrüßung gemeinsam auf der Bühne stehen und sich die Bälle zuspielen, spürt man, dass sich hier zwei gefunden haben. So wie das Alte und das Neue sich finden, wenn die Musik spielt. Und so wie Tag und Nacht sich finden, im kurzen Gleichgewicht des Übergangs. Dann wird die Welt zum Aetherophon. ¶

Albrecht Selge

...lebt in Berlin, liebt Musik, schreibt Romane: Fliegen (2019) und Beethovn (2020). Und führt nebenher das Blog Hundert11 – Konzertgänger in Berlin.