Sogar bei Penny in Walsrode wurden die Kunden mit der lustigen Nachricht beschallt, unlustige Nachrichten sind im Marktradio logischerweise nicht zugelassen. Eigentlich hätte die muntere Sprecherin auch gleich auf die günstigen Bananenpreise in der Obstabteilung hinweisen können, als sie erklärte, dass in New York eine Banane für 6,2 Millionen Dollar den Besitzer gewechselt habe – […]
Autoren-Archive: Volker Hagedorn
…lebt als Buchautor, Journalist und Musiker in Norddeutschland. Er studierte Viola in Hannover, war Feuilletonredakteur in Hannover und Leipzig und ist seit 1996 selbstständig als Autor u.a. für ZEIT und Deutschlandfunk. Im Rowohlt Verlag erschienen von ihm »Bachs Welt« (2016), »Der Klang von Paris« (2019) und »Flammen. Eine europäische Musikerzählung 1900–1918« (2022). Ein viertes Buch ist in Arbeit.
Einer für die Zerrissenen
Bo Skovhus ist kein Typ, der zuerst nach Wohlklang sucht. 1962 in Dänemark geboren, Wahlwiener seit Jahrzehnten, hat der Bariton besonders die großen Zerrissenen mit existentieller Präsenz konturscharf gemacht, von Wozzeck bis Lear – und viele neue Opern mit auf den Weg gebracht. Jetzt ist er »Ich« in der Zürcher Schnittke-Produktion Leben mit einem Idioten […]
»Ich habe immer das Gefühl gehabt, ich gehöre hierher.«
»Ich hab’ Ihnen ja gesagt, ich rede viel«, sagt sie lachend nach einer Stunde, der eine weitere folgt. Der Ort unseres Treffens zeigt, wie gut vernetzt die Pianistin Ragna Schirmer in ihrer Wahlheimat Halle ist: Einen Konferenzraum der IHK hat sie organisiert, Kaffee und Wasser stehen bereit, auch das Laptop der Musikerin. Schirmer ist die […]
»Alles verrückt, es gibt kein Entkommen…«
»Ja, ja, wenn die Geschichte ein Eisenbahnnetz wäre, wäre Jitschin ein Hauptbahnhof… Wallenstein, der Krieg von 1866, auch Bismarck war hier, ja, ja, alles verrückt, es gibt kein Entkommen…« So erzählt es der 99-jährige, der in Jičín Station macht, seinem Reisebegleiter und Altenpfleger. Zwei sehr ungleiche Männer, Tschechen mit Wohnsitz Berlin auf der letzten sentimentalen […]
Warum ich Bruckner verheiratet habe
Die Menge der Musikjubiläen in diesem Jahr ist schier unfassbar, auch wenn man nur die bis 1924 nimmt und mit mindestens einer Null hinten dran. Und dann sollte man noch die Uraufführungsjubiläen weglassen, sonst würde neben Bach und Gershwin kein Gras mehr wachsen. Der Leipziger lieferte vor 300 Jahren 48 Kantaten ab, dazu noch die […]
Der Individuensucher
Mit den 1930ern verbinden besonders die Europäer nicht viel Gutes, und auch für die Musik ist es das Jahrzehnt der Flucht und Vertreibung, teils schon des Verstummens. In diesem Jahrzehnt kamen aber auch außergewöhnlich viele Komponisten zur Welt, die für die Musik heute prägend sind und von denen sicher ein gutes Dutzend noch weitaus länger […]
»Ich muss komplett den Charakter tauschen.«
Ich erlebte Mojca Erdmann erstmals, als 2009 in Schwetzingen Proserpina uraufgeführt wurde, eine kurze Oper von Wolfgang Rihm. Die damals 33-jährige Sopranistin realisierte die Rolle der in einer antikischen Ehehölle gefesselten Heldin mit grandioser Präsenz, Kunst und Selbstverausgabung, und spätestens seitdem gilt sie – auch – als Expertin fürs Zeitgenössische. Rihm, Reimann und andere Komponisten […]
Zwischen Weitblick und Lupe
Ab und zu, nicht sehr oft, platzt einem Klassiker der Marmor ab. Mozarts Jupitersinfonie zum Beispiel. Aber halt, wo soll denn da noch Marmor gewesen sein? Mozart wird doch seit einem halben Jahrhundert freigelegt, aufgekratzt, zum Leben seiner »Klangrede« gebracht, wie Befreiungspionier Harnoncourt das nannte, und ins vibrierende Umfeld der Französischen Revolution, die in seinem […]
Allegro molto vivace
Im ICE war ich wieder auf Tschaikowsky gekommen, mit ihm macht Eisenbahnfahren noch Spaß, und im Finale der Fünften kann man sogar so etwas wie eine vor Sehnsucht außer Kontrolle geratene Dampflok über die Schienen rasen sehen. Aber jetzt war mir nach einem Scherzo, und ich suchte auf Youtube nach dem aus der Zweiten Sinfonie, […]
»Der Glaube, dass man etwas ›historisch getreu‹ macht, war mal ein wichtiges Vehikel, aber das ist eine dumme Sache.«
Eine große, helle Altbauwohnung im Südosten von Hannover. Meterweise Bücher an den Wänden, Kunst auch, mittleres 20. Jahrhundert, in fast jedem Raum Instrumente: Cembali und Clavichorde, ein Tafelklavier, ein Orgelpositiv, eine digitale Orgel… Am Couchtisch sitzt Lajos Rovátkay, vor 90 Jahren in Budapest geboren, am 15. September 1933. Er ist einer der maßgeblichen Pioniere der […]
