Die Fortschrittsdoktrin der musikalischen Avantgarde ließ in der Nachkriegszeit ein ganzes Repertoire in den Schatten geraten und nötigte jeden Komponisten, sich zu ihr zu verhalten – und zu ihren einflussreichsten Exponenten Adorno, Stockhausen und Boulez. Seit etwa 30 Jahren ist das Geschichte, doch immer noch so nah, dass es am Überblick fehlt. Wie entstanden die Postulate und Lager der Kunstmusik, was bewirkten sie?

Kurze graue Haare unter der Basecap, das Gesicht voller Lachfältchen, rauh, leise und rasant das Amerikanisch seiner Geburtsstadt New York sprechend, so saß mir Steve Reich kurz vor seinem Achtzigsten gegenüber, und irgendwann kamen wir auch auf die frühen 1960er. »Als ich Musik studierte, gab es zwei Möglichkeiten, Musik zu schreiben. So wie Boulez und Stockhausen, oder wie Cage. Oder du wurdest ausgelacht, ins Gesicht oder hinter deinem Rücken. Es war wie eine Wand.« Reich hat diese Wand dann einfach ignoriert und, grob gesagt, die Minimal Music erfunden, zusammen mit anderen, »meine Generation hat das Fenster zur Straße wieder aufgestoßen, das Schönberg geschlossen hatte.« Inzwischen könne ja jede:r schreiben, was und wie er und sie wolle. 


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…lebt als Buchautor, Journalist und Musiker in Norddeutschland. Er studierte Viola in Hannover, war Feuilletonredakteur in Hannover und Leipzig und ist seit 1996 selbstständig als Autor u.a. für ZEIT und Deutschlandfunk. Im Rowohlt Verlag erschienen von ihm »Bachs Welt« (2016), »Der Klang von Paris« (2019) und »Flammen. Eine europäische Musikerzählung 1900–1918« (2022). Ein viertes Buch ist in Arbeit.