Mit den 1930ern verbinden besonders die Europäer nicht viel Gutes, und auch für die Musik ist es das Jahrzehnt der Flucht und Vertreibung, teils schon des Verstummens. In diesem Jahrzehnt kamen aber auch außergewöhnlich viele Komponisten zur Welt, die für die Musik heute prägend sind und von denen sicher ein gutes Dutzend noch weitaus länger gespielt werden wird. Dazu gehören etwa Birtwistle, Gubaidulina, Lachenmann, Reich, Schnittke, Williams (ja doch, der Filmkomponist!) – und Aribert Reimann, geboren am 4. März 1936, der am 13. März 2024 in Berlin starb. In der auffallenden Ballung von Vielfalt und Begabung derjenigen, die in den 1950ern professionelle Komponisten wurden, ist er der sensible Psychologe, der Individuensucher, der Opernkomponist.
Reimann fand seinen besonderen Platz nicht ohne Mühe, denn Opern waren nach 1950 nicht das Genre, in dem man sich profilierte, schon gar nicht solche, die den Dramen oder dramatisierten Texten großer Dichter von Shakespeare bis Lorca folgten, und das in linearer Erzählung. So etwas galt bis in die 1990er als gestrig, »bürgerlich«, als »Literaturoper«, ein Begriff, den Reimann verabscheute. »Gut, dass ich durchgehalten habe«, sagte der Komponist 2009, als er gerade Medea vollendet hatte, seine achte Oper. »Ich kann nur das zum Hören bringen, was sich zwischen Personen abspielt mit Handlung im Hintergrund.« Es geht um psychische Prozesse, ihre Gründe und Wirkungen, um den Klang, der sie tiefer durchleuchtet, als Worte es können. Wobei auch die Erfahrungen einfließen, die Reimann in vielen Instrumentalwerken und als Erneuerer des Liedes machte.

