Alles sollte es sein, bloß keine »Oper«. Und so gab Wagner seinem opus ultimum den krudesten aller Genretitel: Bühnen-weih-fest-spiel. Was das nun soll? – ›Das sagt sich nicht‹, ließe sich Ritter Gurnemanz zitieren, als der reine Tor Parsifal, noch nicht durch Mitleid wissend geworden, fragt, worum es sich bei diesem Gral denn wohl handelt. Irgendwie geht es um eine Erlösungsmystik, die auf Mitleiden und Entsagung gründet. Den abgefallenen Wagnerianer Nietzsche brachte dieser Bühnen-Weih-Parsifal eben deswegen auf die Palme: »Die Predigt der Keuschheit bleibt eine Aufreizung zur Widernatur« – und er reiste entnervt ab aus Bayreuth. Nur genau da, im einzig exklusiven Wagner-Festspielhaus, sollte des Meisters Schwanengesang mit finaler Erlöser-Erlösung gezeigt werden dürfen – und wurde es dann auch, mit ein paar semikriminellen Ausnahmen, bis 1914.
Noch mehr Sonderbarkeiten: Ich erinnere mich noch an Aufführungen in Bayreuth, in denen Applausversuche uneingeweihter Festspiel-Touristen nach dem ersten Akt gnadenlos niedergezischt wurden. Zur Bühnenweih-Orthodoxie gehört nämlich, dass man nach dem ersten Aufzug nicht klatscht, immerhin hatte man gerade einer Grals-Enthüllung beigewohnt. Ich erinnere mich aber auch an den für mich bewegendsten Parsifal– und Opernabend überhaupt, die Premiere von Christoph Schlingensiefs unerhörter Drehbühnen-Bildermaschine, das Skandal-Ereignis der Festspiele 2004, an Alexander Kluges Zeitraffer-Film eines verwesenden Hasenkörpers, der da am Ende lief und einen sehr physischen Eindruck davon vermittelte, wie aus dem Tod neues Leben kommt. Ein anderes Video zeigte Schorsch Kamerun, den Kopf der Punkband Die Goldenen Zitronen, als Franz Liszt, wie in Trance klavierphantasierend zur Verwandlungsmusik, an die schließlich entfesselten Buhstürme, und wie der große Mann Pierre Boulez diese mit einer einzigen Geste einfing, als er mit dem zum enfant terrible stilisierten Regisseur Hand in Hand vor den Vorhang trat.
Und noch ein erschütterndes Parsifal-Erlebnis, als ich einmal in der ersten Reihe im Festspielhaus zu sitzen kam, und nicht ganz comme il faut heimlich meine Schuhe auszog und die Füße auf den berühmten Schalldeckel am »mystischen Abgrund« legte. Da ging die Musik, die einzige, die Wagner für genau diesen Raum und seine besondere Akustik geschrieben hatte, durch den Hörerkörper durch und durch, alles eine Resonanz. Der Hammer.
Auch an den Premierenabend des Parsifal an der Bayerischen Staatsoper, 2018, kann ich mich erinnern, vor allem an Kirill Petrenkos unglaublichen Flow mit dem Staatsorchester, aber auch an die leise Enttäuschung über Christian Gerhahers mir damals etwas verkünstelten Wundenkönig Amfortas, über die doch nicht so tollen Bilder des berühmten Malers Baselitz und Pierre Audis sich dahinter etwas sehr zurückhaltende Regie. Acht Jahre später, und zwar letzten Mittwoch, dann das Wiedersehen und -hören, mit der Frage, wie viele Menschen an einem ziemlich alltäglichen Mittwochnachmittag, 17:00, zum Gralgucken im Opernhaus antreten und auch gleich sechs Stunden Zeit dafür mitbringen mögen? Antwort: erstaunlich viele, das Nationaltheater war annähernd voll, bei fast durchgehend gespannter Aufmerksamkeit im Saal. Das Orchester, mit dem zuverlässigen Sebastian Weigle, nicht im Petrenko-Flow, aber (bei mutmaßlich knapper Probenzeit) auch nicht im Routinemodus. Peter Mattei gab den Schmerzen des Amfortas Würde ohne Leidens-Exhibitionismus. Überhaupt wurde gut gesunden und, jetzt kommt’s: auch gespielt! Dass bei Wiederaufnahmen von der Personenregie-Intentionen der Premierenserie nur bleibt, was einmal protokolliert und von einer hoffentlich aufmerksamen Assistenz Jahre danach wieder aufgerufen wird, ist nun mal so. Kritiker sehen meist keine Wiederaufnahmen, damit bleibt aber ein großer Teil des Opernbetriebsalltags unterm Radar. Will sagen: Inszenierungen altern meist nicht gut, gerade von ambitionierten Konzepten bleibt wenig.
Hier aber, an diesem ganz normalen Mittwochabend am Gral, tat diese unausweichliche Ideen-Vernebelung der Sache Parsifal, nämlich der Möglichkeit der Verwandlung durch Mit-Leiden, überraschend gut. Wie Anja Kampe als Kundry über lange Strecken teilnehmende Beobachterin der Handlung ist, das war ein Musterfall von diskret wirkungsvollem Mitspielen. Ohne viel Gedöns. Gar kein Weih-Festspiel, bloß ein guter Abend, an dem man einer vage postapokalyptischen, durchweg leidenden Menschengesellschaft dabei zusehen konnte, sich in der Sehnsucht um ein Ding zu verzehren, ohne eigentlich zu wissen, was das sei. Das sagt sich ja nicht. Es ist aber auch bloß Theater, an irgendeinem Mittwochabend in einer großen Stadt, ein Wunder eigener Art. ¶

