Wer Ottaviano Petrucci (1486–1539) war, ist nicht eben weithin bekannt, und wäre es noch weniger, hätte der venezianische Erfinder des Notendrucks mit beweglichen Typen nicht der Petrucci Music Library den Namen gegeben. Das ergibt insofern Sinn, als es das Harmonice Musices Odhecaton war, eine Anthologie polyphoner weltlicher Lieder, die als erstes Musikwerk im Notendruck publiziert wurde, anno 1501. Damit begann eine neue Ära der Verbreitung von Musik, und daran wollte Edward W. Guo, ein 18-jähriger Student am New England Conservatory in Boston, erinnern, als er am 16. Februar 2006 das International Music Score Library Project IMSLP online gehen ließ, mit eben dem Petrucci-Untertitel.
Damit begann fünfhundert Jahre später, und zwar vor genau zwanzig Jahren, wieder eine neue Ära der Musikverbreitung, und niedriger soll es hier nicht hängen. Denn Guo hatte die gute Idee, was an Notenausgaben nach Ablauf der Schutzfrist für Urheberrechte »gemeinfrei« geworden ist, dieser Allgemeinheit auch frei zugänglich zu machen, für den längeren Teil der Ewigkeit. Das Projekt mit der sperrigen Abkürzung erinnert an das Ethos der Gemeinnützigkeit aus der Frühzeit des Internets, von dem in der Gegenwart der Datenkraken, der kleinen und großen Betrügereien und Manipulationen nicht mehr viel geblieben ist, am ehesten Wikipedia, von der sich Guo die Basis-Software lieh. Der erste große Upload war die alte Bach-Gesellschaft-Ausgabe, die 1851 bis 1899 das Universum des Johann Sebastian schon einmal, mit dem Wissensstand des 19. Jahrhunderts, vermessen hatte. Dieser entspricht nicht dem heutigen, gibt dem Notenkundigen aber doch weit mehr als eine Ahnung davon, worum es da geht, en gros, aber eben auch en détail. IMSLP öffnet die alten Editionen, Stand heute 845.000 Notendatensätze, erlaubt den Download, und verlangt nicht einmal eine Registrierung. Erst 2015 führte Guo die IMSLP-Subskription ein, für lumpige 30 Dollar im Jahr muss, wer Noten sucht, nicht einmal mehr die fünfzehn Gedenksekunden abwarten, die daran erinnern sollen, dass auch dieser Service nicht ohne Budget auskommt und sich über Spenden freut.
Die virtuelle Petrucci-Library ist eine ziemlich gute Geschichte, und zu jeder guten Story gehört ihre Krise. Die kam, als Guo 2007 von der Wiener Universal Edition verklagt wurde, die ihre Rechte verletzt sah, und zu Recht. In den USA, Kanada (wo die ISMLP-Server stehen) und der EU gelten nämlich verschieden lange Schutzfristen, das setzt der globalen Zugänglichkeit Grenzen. Guo muss einen gewaltigen Schreck bekommen haben und nahm erst einmal die ganze Petrucci Library vom Netz. Für neun Monate, bis die Anwälte die Ansprüche geprüft und die IT-Leute eine nach Ländern differenzierte Lösung gefunden hatten. Dann konnte die Geschichte weitergehen.
Wer sich heute freut, und sei es 2 Uhr nachts und wo immer, mal eben nachschauen zu können, wie viel Takte lang das Kontra-Es am Anfang des Rheingold steht (136), oder was das leiterfremde Cis im Thema der Eroica zu suchen hat (erstmal nichts: Beethoven halt), wer seine 15 Bedenksekunden an eine Spende für den Gemeinnutzen wendet, sollte aber auch einen Moment an die Urheberinnen und Urheber denken, die Musikverlage, Editoren und Musikwissenschaftlerinnen, die sich diesseits der Zonen der Rechtefreiheit bewegen. Für die war und ist all die schöne Freiverfügbarkeit fraglos ein Schlag ins Kontor. Wer mit dem pdf eines auf den ersten Blick brauchbaren Notentextes gut bedient ist, wird sich die Anschaffung einer aktuellen, historisch-kritischen oder Studien-Ausgabe oder gar einer »Urtext«-Edition vermutlich sparen, zum Nachteil der ganzen Verwertungskette.
Als einen Robin Hood der sheet music mag ich Edward W. Guo dennoch nicht sehen. Zur Ökologie der Ökonomie gedruckter Noten seit Petrucci gehört, auch die Ansprüche der Verlage zu sehen. Vielleicht öfter mal eine schöne, gestochen scharfe und wissenschaftlich fundierte Ausgabe der Jupiter-Symphonie oder des Album für die Jugend anschaffen, statt das Bibliotheksexemplar auf den Kopierer zu legen, wäre eine Sache der Fairness. Hinter 2006 geht es sowieso nicht zurück, und manche Moder-Ausgabe kann die wertschätzende Lust auf state-of-the-art-Editionen umso mehr stimulieren. Wir brauchen beides. Diese Woche aber ist dem findigen Mr. Guo zu danken, für seine epochale Tat zur Demokratisierung von musikalischer Textkenntnis. Wozu ja auch das selbstbestimmte Uploading von neuer und neuester Musik gehört, wo es den Komponistinnen und Komponisten vor allem um Sichtbarkeit geht.
Während ich dies schreibe, will es der Zufall, dass ich gerade über Alexandria fliege, das die größte Bibliothek der Antike hatte und durch mehrere, nicht ganz geklärte Unglücke ziemlich spurlos verloren hat (und 2002 eine neuzeitliche Nachfolgerin bekam). Was lehrt: Der Besitz von Text, die Archive des Wissens können eine unsichere Sache sein, weniger ewig als gedacht, und das gilt auch für Petruccis Bibliothek. ¶

