Das Klügste zum Thema hat der Regisseur Jens-Daniel Herzog schon gesagt. »Es gibt kein Theater ohne Regie.« Punkt. Es gibt aber auch, wer wollte es bestreiten, eine gelegentliche Sehnsucht danach, die immer wieder gespielten Repertoirestücke – immer wieder anders gezeigt, weil alles immer wie neu aussehen muss – einmal nicht originell, sondern irgendwie »original« zu sehen. Das Werk, zur Kenntlichkeit unentstellt, ohne Übermalungen / Setzungen / Dekonstruktionen / Reframing oder einfach ohne Video, irgendwie prä-postdramatisch. Vielleicht hat es damit zu tun, dass gerade wer ein Stück sehr liebt, eine Idee davon mit sich herumträgt, wie es »eigentlich« ist, und dass diese Vorstellung noch tiefer abgelegt ist als jede Erinnerung an eine bestimmte Inszenierung. Was man sieht, wenn man nur hört, unter Kopfhörern, Augen zu. Und je stärker die Liebe, desto größer die Empfindlichkeit für Abweichungen vom Protokoll.
Iván Fischer nennt das diverse Regietheater: Zirkus. Bei dem will er als Dirigent schon lange nicht mehr mitmachen, deshalb zeigt er die Opern, die er liebt, so wie er sie liebt, auch als Regisseur. Zum Beispiel gerade Don Giovanni, mit seinem Budapest Festival Orchestra und einem internationalen Cast, in Budapest und anderswo, vor Weihnachten in Baden-Baden. Da sieht André Schuen dem Don Giovanni auf dem ikonischen Gemälde von Max Slevogt ziemlich glänzend ähnlich, Leporello scrollt die Liste der Verführten einmal nicht auf dem Handy runter und es endet mit der Höllenfahrt; die scena ultima: gestrichen.
Es ist der Moment nach der Katastrophe, wenn die Menschen, denen der final bestrafte Wüstling D.G. so übel mitgespielt hat, sich über den Kraterrand des Höllensturzes beugen und die gute Frage stellen, wie es jetzt für sie weitergehen soll: Leporello muss sich einen neuen Chef suchen, Elvira, die unglücklich Liebende, geht ins Kloster, Zerlina und Masetto gehen was essen und Donna Anna verschiebt die Heirat mit Ottavio erstmal für ein Jahr. Das ist, nach dem metaphysischen Showdown, ein bemerkenswert pragmatischer Schluss, ein desillusioniert »moderner« Blick aufs Leben. Bevor sich dann alle in den Kehraus finden: So geht’s dem, der Böses tut. Für Iván Fischer, den Regisseur, ist das ein unangemessen moralisierendes Ende, und weil diese scena ultima im Libretto der Wiener Erstaufführung 1788 nicht abgedruckt ist, nimmt er das Weglassen als Mozarts letzten Willen und endet, wie weithin im 19. und bis Mitte des 20. Jahrhunderts, mit Giovannis Untergang.
Ich fand diesen Cut auch schon an anderer Stelle nicht überzeugend. Die Moral von der Geschicht’ erscheint doch ziemlich offensichtlich angeklebt und, nach dem Lichtwechsel zum konkret wirklichen Leben der Überlebenden, eher als ein dem Gattungsgesetz der Komödie geschuldetes lieto fine, glückliches Ende; eine Mozart/Da Pontesche Ironie also. Ich finde das genial, so wie dieses ganze dramma giocoso ja von Anfang an ein Spiel an den Gattungsgrenzen ist.
Nun sitze ich, vor einer leckeren Baden-Badener Ente, neben Iván Fischer, wir reden eine Stunde hin und her, über die Rätsel des Endes und auch des Anfangs. Was geschah im Schlafzimmer der Donna Anna: eine Vergewaltigung, ein einverständiges Fremdgehen, Liebe? Fischer will es offenlassen, weil auch das Stück nicht eindeutig ist, weil er ein Geheimnis bewahren will. Nun scheint mir solche Diskretion als Unentschiedenheit kein Ausweg, denn daran hängt die ganze Psychologie dieser seltsamen Verlobten Anna und Ottavio, auch die Schuldlast der Hauptfigur. Weglassen, noch im Namen einer vorgeschlagenen »Werktreue«, ist da keine Lösung, sondern schwächt, neutralisiert das Ganze.
So geht es hin und her. Auch über das Ende von Cosí fan tutte werden wir dann nicht einig. Für Fischer ist nicht die Ratlosigkeit der jungen Paare der Kern der Sache, sondern Don Alfonsos Rat, nach dieser herben Lektion über die Reichweite von (weiblichen?) Treueschwüren könne jetzt auch geheiratet werden. Was für mich wie der Rat eines alten Zynikers klingt, das hört er als Bekenntnis zu einem realistischen Umgang mit Gefühlen. Danach geht es noch um historische Informiertheit im Graben und auf der Bühne: Während unten »Urtext«-Skrupel regierten, herrsche oben die Willkür der großen Regie-Egos.
Das käme doch sehr drauf an, will ich noch einwenden, aber irgendwann ist auch gut, auch ohne Einigung, dafür im Geiste des alten Gadamer, der Hermeneutik bestimmte als die Möglichkeit, der andere könnte auch Recht haben. Und morgen fange ich das neue Opernjahr in Antwerpen an, die Opera Vlaanderen zeigt: Don Giovanni. Es bleibt erstaunlich spannend. ¶

