Es sei ihm, hat er einmal gesagt, nie gelungen, sich prominent zu finden. Er war es aber doch, seine Prominenz war eine eigener Art; Peter Gülke war kein Pultstar, alles Pfauenhafte, eine Jet-Set-Existenz musikalischer All-Präsenz lag ihm fern. Wenn, im Deutschen jedenfalls, ein Dirigent als guter »Kapellmeister« gelobt wird, dann schwingt dabei immer auch der Vorbehalt mit, da beherrsche einer sein Handwerk – mehr aber auch nicht. Was sagen will: So einem bleiben die tiefen Tiefen der Musik letztlich unerschlossen, keine Unio mystica mit den ganz großen Genies und letzten Meisterwerken. Dieser freundliche Mann mit dem lustigen Bürstenschnitt war nun der lebendige Gegenbeweis, er war nämlich einerseits ein sehr guter Kapellmeister (obwohl er Cello studiert hatte, Musikwissenschaft; Germanistik und Romanistik und genau nicht: Dirigieren); und er exzellierte andererseits als Musikdenker, dessen Erkenntnisarbeit nicht vor der Wand der musikalischen Praxis endete, sondern der das Machen als Folge des Denkens und das Denken aus der Erfahrung der Praxis lebte. Ein weiser Analytiker; weise, weil ihm die Analyse als Werkzeug nützlich, aber kein Selbstzweck war, ein Pragmatiker mit bohrender Neugier, immer noch auf Mozarts, Beethovens, Schuberts Sinfonien (da fand er überreichlich zu entdecken), auf der Textebene als Herausgeber, als Biograph und Deuter. Ein Klassiker, und dann noch in Weimar geboren (1934) und sogar als Nachfahre der Goethe-Gattin Christiane Vulpius, also mit dem Oberklassiker familiär verbunden.
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