Guignol heißt das französische Kasperle, das Théâtre du Grand Guignol war ein populärer Schuppen für Grusel- und Horror der unterhaltsamen Art, betrieben von 1897 bis 1962 an der Pariser Pigalle. Da gabs immer lustig auf die Zwölf, keine falsche Sentimentalität. Nach diesem Wochenende steht zu erwarten, dass sie den Laden bald wieder öffnen können, oder auch nicht, es gibt dafür ja noch Opernhäuser, und da sehen sich gleich zwei Neuproduktionen in der Tradition des Grand Guignol, nämlich Vampi und Bampis, alias Olga und Elfriedes (Neuwirth/Jelinek) Hamburger Uraufführungs-Hotspot Monster’s Paradise (2026), aber auch die Neuinszenierung von Hector Berlioz’ Opernerstling Benvenuto Cellini (1838) am Brüsseler Théâtre de la Monnaie. Beide Produktionen stehen auch für die Ambitionen der hier wie da neuen Intendant:innen, Tobias Kratzer hier, Christina Scheppelmann da, und beide so denkbar verschieden; in Hamburg der lustige Landshuter, Schnellsprech- und -denkmeister, in Brüssel die pragmatisch hanseatische Managerin mit Expertise im internationalen Opernbusiness von Maskat bis Seattle.

Das klassische Grand Guignol war zu seiner Zeit der Ort des unvorstellbar Grotesken – das sich in der Rückschau als prophetisch erwies: Die Schreckensbilder der Wirklichkeit zeigten, was in Wirklichkeit noch folgen sollte. Inzwischen kommt der Bühnenwahnsinn der wirklichen Politik nicht mehr nach. Fast nostalgisch (im Hamburger Programmheft) der Rückblick auf Alfred Jarrys knallgrelles Protzentum eines Ubu Roi, der 1896 ff. noch ein Schocker war; so ein Theatermonster steckt der reale King Trump spielend in die Tasche, da kann Georg Nigl auf seinem goldenen Klositz geben, was er kann, und das ist ja einiges.

Auch in Brüssel macht es viel Bling Bling. Der amerikanisch-italienische Regisseur Thaddeus Strassberger hat sich für Berlioz’ Theater der Maßlosigkeit eine drehbare Riesenshowtreppe aus Sperrholzmarmor bauen lassen, darauf ist von oben bis unten immer was los, Tanz, Akrobatik, und wenn gerade nix ist, fliegen wenigstens Pizzen durch die Luft. Es ist ja die Opernversion des historischen Renaissancekünstlers Benvenuto Cellini zu erzählen, wie er für den Papst die tollste Perseus-Statue aller Zeiten schaffen soll, sich aber mehr für die Tochter des päpstlichen Schatzmeisters interessiert, bei der er immer wieder den minderbegabten Liebesrivalen ausstechen muss; ohne Probleme übrigens, er ist ja ein Genie. Am Ende, nachdem zwischendurch alles ganz schlecht für ihn aussieht (er wird nebenbei zum Mörder, wie übrigens der reale Cellini wohl mindestens zweimal, und muss untertauchen), geht dann noch alles gut, er schafft den Abgabetermin, nachdem er in einer kühnen Tat, als das Metall für den Guss ausgeht, seine früheren Werke in den Tiegel wirft. Der Papst vergibt ihm, er kriegt die junge Frau und John Osborn, der den Abend lang auch mit lupenreinen Spitzentönen brillierte, guckt sehr zufrieden nach vorn in seinem weißen Hochzeitsanzug.

ANZEIGE

Die szenische Überfüllung ist hier natürlich ein schwer augenzwinkernder Versuch der Überbietung des Überbietungsfurors Berlioz’, der in seiner ersten Oper gleich die Opéra comique mit der Grand opéra kurzschloss und die verwegensten Ensembles, raffiniertesten Klänge, die krasseste Dramaturgie aufbot – weil er ja selbst ein Genie war und sich, wie wir vermuten dürfen, an dem Kollegen Cellini sehr persönlich abarbeitete. Er komponierte also einfach seinen eigenen Erfolg, sein eigenes Happy End. Das ist, bei einem ähnlichen Hang zur Überzeichnung, das maximale Gegenteil des letzten Bilds von Monster’s Paradise, wenn Vampi und Bampi, die Weltuntergangs-Vampiretten, vierhändig Schubertwalzer auf einem verstimmten Bösendorfer spielen. Das Große Kasperle erzählt uns hier, dass die Kunst die Welt nicht retten kann, und dort, wie der Künstler nur skrupellos genug das große Werk vollenden muss, damit die Welt wieder in Ordnung ist, auch wenn ein toter Mann auf der Bühne liegt. Hier wie da legt sich das Theater mit dem Irrsinn der Tagesthemen an; hier wie da werden opulente Bilder gewuppt; grell über- und doch analytisch unterbelichtet: Dem mottigen Geniekonzept sitzen sie, verrückt genug, so oder so, beide auf. Das Große Kasperle hat die richtige Frage: Seid Ihr noch alle da? ¶

…ist Musikjournalist und war bis 2023 Professor für Musik und Medien an der TU Dortmund, wo er den Studiengang Musikjournalismus leitete. Er ist im WDR und Deutschlandfunk zu hören und schreibt u. a. für Opernwelt und die FAZ. 2020 erschien sein Buch ›World Wide Wunderkammer. Ästhetische Erfahrung in der digitalen Revolution.‹