Seit 1987 spielt sich in der nordfriesischen Stadt Husum ein jährliches Klavierfestival ab, das sich sehr bald nach seiner Gründung durch den Berliner Pianisten Peter Froundjian zu einer festen Größe abseits der Mainstream-Festspielsaison etabliert hat. Im letzten Jahr musste das Festival pandemiebedingt erstmals ausfallen – sonst gibt es im Schloss vor Husum allsommerlich für eine […]
Kategorie: Kritik
Aus Intoleranz wird Ignoranz.
Intolleranza 1960 zeigt in der aktuellen Neuinszenierung der Salzburger Festspiele eine äußerst kraftvolle und kongeniale Entfaltung und Fortschreibung von Nonos großem szenischem Experiment aus dem Jahr 1961. In Venedigs legendärem Opernhaus La Fenice uraufgeführt, sprengte das Werk damals nicht nur Konventionen sondern auch die herkömmlichen Dimensionen und Sujets von Musiktheater: eine Bergarbeitersiedlung, eine Friedensdemonstration, eine […]
»Leichte Taktfehler da im Übergang!«
Die ohne Zuschauerinnen und Zuschauer stattfindenden Olympischen Sommerspiele in Tokio lassen viel Raum – in den Stadien und für die Ohren. Wir hören, was sich die Protagonistinnen und Protagonisten zurufen: Anfeuerungen, Unzufriedenheiten, Taktikanweisungen. Doch wir vernehmen auch (vereinzelt): klassische Musik! Unser Autor denkt über Klassik im Alltag und bei Olympia nach und analysiert die Musik […]
Post aus Bayreuth (2): »You häff to go where ›Garderobe‹ stands«
Wie eine Alien-Parade muss Otto und Frieda Normalbayreuther dieser allsommerliche Aufmarsch der Wagnerfreunde erscheinen, 150 Jahre nach der zufälligen Erstlandung des Meisterraumschiffs im fränkischen Städtchen. Aber man integriert das Fremde! Im Frühstückszimmer meiner Pension, die zur Festspielsaison die Preise verdoppelt, prangt ein Druck der jungwagnerschen Dirigiersilhouette harmonisch neben drei kapitalen Hirschgeweihen. Und mit etwas Mühe […]
»Punktierte Rhythmen sind wie Aspirin, sie helfen gegen alles.«
Sisyphos wurde von den Göttern auferlegt, einen großen Stein auf die Spitze eines steilen Berges zu schaffen. Der Stein rollte, kaum dass Sisyphos am Gipfel angekommen war, immer und immer wieder hinunter, was man sich als existenziell frustrierend vorstellen darf. Der Dichter Albert Camus analysierte das Schicksal des korinthischen Königs viele hundert Jahre später und […]
Kommunistische Dissonanz
The Wings of Songs, ein Propaganda-Musical der Kommunistischen Partei Chinas, beginnt mit einer sanften Melodie, scheinbar hervorgerufen von drei attraktiven Mitgliedern einer Boyband (den Protagonisten des Films), die mit ihren Instrumenten auf einer Bühne in einem riesigen Fernsehstudio stehen. Die Handlung im Bild und die Musik passen allerdings überhaupt nicht zusammen. In dieser Eröffnungsszene spielt […]
ZEITRAUMGEFÜGSKREISELEI? RESTART!
Der Godard dieses Rings heißt Corona. Denn was der berühmte französische Regisseur einmal in einem längst zu Tode zitierten Wort über Filmdramaturgie sagte (jeder Film brauche Anfang, Mitte und Ende, aber nicht unbedingt in dieser Reihenfolge), das besorgte für Stefan Herheims Neuinszenierung von Richard Wagners Vierteiler oder, wie’s der Kulturmensch nennt, Tetralogie niemand anders als […]
Die Ordnung digitaler Dinge
Die Ordnung der Musikwelt folgt klaren Regeln: Beim Neue-Musik-Konzert gibt es verklausuliert vertonte Philosophie, in der Kinderkonzertreihe »Klassik zum Mitmachen«, im Kammerkonzert Schubert für’s Herz und beim innovativ-interdisziplinären Szenefestival vertanzten Poststrukturalismus. Wenn Corona es nicht gerade verbietet, werden im Konzertleben auf beruhigend verlässliche Weise die eigenen Erwartungshaltungen befriedigt. Das Berliner Ensemble DieOrdnungDerDinge macht da nicht […]
Was, wenn deine Wunder nie geschehen sind?
Im Jahre 1204 hörte Francesco Bernardone, der Sohn eines wohlhabenden Tuchhändlers aus Assisi, bei einem Kirchenbesuch die Stimme Gottes. Bernardone war damals Anfang zwanzig, ein sorgloser Mann, der gerne Sport trieb, Musik hörte und mit Freunden abhing. All das änderte sich schlagartig mit eben jenem Erweckungserlebnis. Bernardone schwor, ab sofort Gott zu dienen. Der Bischof […]
Mehr Zeit!
Mehr als auf alles andere ist der Kompositionsnachwuchs angewiesen auf gute Musiker:innen, die sich wirklich in die Stücke vertiefen – und die findet man selten. Darum zählt jede Sekunde, die man das eigene Werk hören kann. Diese Zeit verliert vielleicht an Wert, je berühmter Komponierende werden, angesichts einer Vielzahl von Kompositionsaufträgen und Musiker:innen, die Schlange […]
