Die Ordnung der Musikwelt folgt klaren Regeln: Beim Neue-Musik-Konzert gibt es verklausuliert vertonte Philosophie, in der Kinderkonzertreihe »Klassik zum Mitmachen«, im Kammerkonzert Schubert für’s Herz und beim innovativ-interdisziplinären Szenefestival vertanzten Poststrukturalismus. Wenn Corona es nicht gerade verbietet, werden im Konzertleben auf beruhigend verlässliche Weise die eigenen Erwartungshaltungen befriedigt. Das Berliner Ensemble DieOrdnungDerDinge macht da nicht mit. Seit 2010 picken sich Vera Kardos, Iñigo Giner Miranda, Cathrin Romeis und Meriel Price aus allen Genres und Disziplinen die schönsten Objekte und Ausdrucksformen heraus und setzen sie zu neuen Formaten zusammen. Meistens sind es Konzerte, denn sie sind trotz allem – so gestehen sie in ihrem Manifest – »klassische Herzen« geblieben, die Konzerte für eine wunderschöne, schützenswerte Form des gemeinsamen Musikerlebens halten. Nur was genau Musik meint, wollen sie sich nicht vorschreiben lassen. Und so verschränken sie virtuos Licht mit Klang, Bewegungstheater mit philosophischen Texten und Performance mit Objektkunst. Mit ihren Produktionen ziehen sie Kinder wie hochkarätige Klassikjurys, Theatermacher:innen wie Passant:innen im öffentlichen Raum in ihren Bann.

Ende Februar 2021 erreicht mich ein Newsletter, dass DieOrdnungDerDinge eine interaktive Homepage namens Sound_Tracks herausgebracht hat. »Die streamen jetzt also auch«, denke ich müde, nachdem ich nunmehr zwölf Monate die mehr oder weniger verzweifelte Suche der Ensembles und Kulturinstitutionen nach digitalen künstlerischen Ausdrucksformen beobachtet habe. Mit mäßigen Erwartungen klicke ich also zwischen zwei Zoomkonferenzen das erste Mal auf den Link – nur mal kurz reingucken und auschecken, was die Kolleg:innen da so machen, denke ich mir. Doch so läuft das hier nicht! Gleich zu Beginn werde ich höflich gefragt, ob ich fünf, zehn oder zwanzig Minuten auf der Homepage verbringen möchte. Gar nicht so leicht zu sagen, schließlich bleibt man sonst meist eher unfreiwillig auf irgendwelchen Seiten hängen und schaut dabei selten auf die Uhr. Wie lang daddle ich so im Durchschnitt? Mit Blick auf die ToDo-Liste gebe ich ihnen nur 5 Minuten und klicke auf »1-2-3-4«. Besagte fünf Minuten später habe ich einmal laut gelacht, bin einmal kurz erschrocken, habe einmal mein Hirn angestrengt, eine Hommage an Philip Glass und ein Stück von Tom Johnson kennengelernt, fasziniert auf Dowland-singende leuchtende Mundhöhlen gestarrt, einiges über die mir vorher unbekannte karibische Sprache Trio/Tiriyó gelernt und einen Schubert-Ohrwurm. Und ich bin hooked.

Kurze Zeit später spreche ich mit Iñigo Giner Miranda und Vera Kardos, die als Mitglieder des Ensembles die künstlerische Leitung des Projekts übernommen haben (Dramaturgie: Franziska Seeberg), über ihr Konzept: »Wir haben uns gefragt, wie wir dich als Userin dazu bringen könnten, dich richtig auf etwas einlassen. Normalerweise, wenn du im Web bist, guckst du dir irgendwas vielleicht 30 Sekunden an, bis es dich nicht mehr interessiert. Das machen wir ja auch so. Unsere Frage, wie viel Zeit man investieren will, schafft unterbewusst ein Commitment«, erklärt Iñigo Giner Miranda. Doch bei dem Touren-Konzept gehe es nicht nur um die psychologische Wirkung, sondern vor allem auch um die Komposition der Inhalte, ergänzt Vera Kardos: »Auf der Seite befindet sich ein Konglomerat ganz unterschiedlicher Beiträge. Wir wollten dieses Mosaik in eine stimmige Reihenfolge bringen und die Aufmerksamkeit des Publikums bewusst lenken. Die Entwicklung dieser Struktur war fast das Zeitaufwendigste am ganzen Projekt.« Resultat dieser Stunden des Hin- und Herschiebens sind zwölf Routen mit unterschiedlichen thematischen oder ästhetischen Schwerpunkten, die zwischen fünf und zwanzig Minuten dauern. Ihnen sind Zitate und Lexikoneinträge zu musikalischen Termini vorangestellt, die das mehr oder weniger verbindliche Motto der Touren darstellen. Vera Kardos erläutert: »Die ursprüngliche Idee des Projekts war, ein Lexikon auf die Bühne zu bringen und das Publikum einzuladen, mit uns gemeinsam musikalische Begriffe neu zu entdecken. Diese Idee haben wir dann auf den digitalen Raum übertragen.«

Der große Trumpf und vielleicht sogar das Alleinstellungsmerkmal dieses Projekts ist, dass man ihm zu keinem Moment anmerkt, dass es sich um die Adaption einer Bühnenidee handelt. Hätten die Macher:innen es nicht verraten – ich wäre selbst nicht auf die Idee gekommen. Denn beim Schauen entsteht nie der Eindruck, das Ensemble habe die digitalen Mittel nur billigend in Kauf genommen. Im Gegenteil wirkt es eher so, als hätten sie das Digitale als kreativen Humus begriffen und aktiv genutzt. Da sind zum Beispiel die ASMR-Kompositionen mit Alltagsgegenständen, die auf Kopfhörern und in Nahaufnahme viel stärker wirken, als sie es in einem Konzertsaal könnten. Auch die Mini-Lectures zu auditiven Täuschungseffekten à la MrGurk sind wie für den Bildschirm gemacht. Am stärksten jedoch profitieren die interaktiven Elemente von den Möglichkeiten des Digitalen. Sie reichen von einer grafisch notierten Komposition zum Ausdrucken und selbst Spielen, über einen Workshop zu Steve Reichs Clapping music, bis zu einer ganzen Route, über deren Verlauf man selbst bestimmen kann. Darin wird man nicht nur herausgefordert, sein Zeichengeschick mit dem Cursor unter Beweis zu stellen, sondern auch eingeladen, selbst eine Geschichte zu erzählen, der die vier geduldig zuhören. Offen gestanden konnte ich mich dazu dann doch nicht durchringen, aber es war auch schweigend und peinlich berührt schmunzelnd ein Vergnügen, einige Minuten in diese mal verständnisvollen, mal gelangweilten Gesichter zu starren.

Doch auch denjenigen, die bei jeder Form von Mitmachtheater sofort die Flucht ergreifen, sei diese Seite wärmstens empfohlen, denn die interaktiven Elemente machen nur einen eher kleinen Teil der Touren aus. Sie stehen inmitten von Performances zeitgenössischer Kompositionen für Auge und Ohr, u.a. von Jessie Marino, Thierry de Mey und Matthew Herbert. Auch eine Reihe von Eigenkompositionen ist zu hören, die den Ensemblemitgliedern auf den Leib geschrieben sind. So performen Meriel Price und Iñigo Giner Miranda als Berliner Expats beispielsweise einen humoristischen Variationssatz über ein Heimwehthema. Zudem begegnen einem auf den Touren einige klassische Kompositionen in unkonventioneller Interpretation: Die Cavatina aus Beethovens Streichquartett op. 130 ist beispielsweise in einer »Übersetzung« des Ensembles zu hören. Die vier Ensemblemitglieder hören sie (in der Interpretation vom Alban Berg Quartett) über Kopfhörer und summen die einzelnen Stimmen mit. So umgehen sie nicht nur das Lizenzproblem, sondern legen auch eine neue Interpretation vor, die in ihrer Fragilität und Nähe wirklich berührend ist. Wagners Rheingold-Vorspiel wird zunächst nur mit Worten nacherzählt, um im Anschluss nochmal »normal« zu erklingen. Dadurch werden, völlig unprätentiös und trotzdem eindrucksvoll, die Grenzen des Sprechens über Musik vor Augen geführt.

Diese große Vielfalt wird durch eine sehr cleane und konsistente Kostüm- und Bühnengestaltung zusammengehalten (Kostüm/Set Design: Rózsa Sebő / Video und Editing: Quiet City). Die Farb- und Bildsprache ist jeweils den musikalischen Beiträgen angepasst, trotzdem gibt es einige Objekte, wie beispielsweise einen Wecker, Filzstifte und eine Quietsche-Ente, die in bester Wo-ist-Walter-Marnier in zahlreichen Videos wiederentdeckt werden können – mal dienen sie als Musikinstrumente, mal als Requisiten. Zudem rahmen sie die Landing-Page und können nach jeder Tour zu einem eigenen Wimmelbild zusammengesetzt werden. Die aufgeräumte, puristische Gestaltung der Videos reflektiert nicht nur den Foucault entliehenen Ensemblenamen, sondern greift auch den Stil von DIY-Videos auf. Nichtsdestotrotz ist auch Raum für die überzeichnete Varieté-Ästhetik mit bunten Perücken und Rüschenhemden, die aus den Bühnenshows des Ensembles vertraut ist.

Die größte Qualität des Projekts ist zugleich seine größte Herausforderung: Es passt in keine (und damit irgendwie auch in jede) Nische. Es ist zugleich Musikvermittlungsprojekt und Videokunst, Online-Performance und interaktives Game. Das ist bei den Liveproduktionen von DieOrdnungDerDinge eigentlich auch so, doch allein dadurch, dass Konzerte in Konzertreihen von Spielstätten stattfinden, müssen sie sich viel stärker auf eine bestimmte Zielgruppe festlegen. Denn Konzerthäuser folgen in aller Regel der Prämisse, dass jede Alters- und Bildungsgruppe ihr eigenes Format braucht: Mamiyoga mit Harfe für die Ungeborenen, lustige Mitmachgeschichten für 4–6, Loungekonzerte für die unerreichten studentischen Zielgruppen, avantgardistische Performances für die intellektuellen Nerds und für den Rest eben klassisch-symphonische Konzerte.

Im digitalen Raum funktioniert das anders – teilnehmen kann, wer auf den Link klickt. Offensichtlich beflügelt von dieser neuen Freiheit, hat das Ensemble ohne spezifische Zielgruppe im Sinn und ohne Rücksicht auf Kunst- oder Vermittlungskonventionen ein neues Format entwickelt. In ihm fanden Erfahrungen und Auszüge aus unterschiedlichsten Kunst- und Vermittlungsproduktionen Platz. Und so verwundert es nicht, dass der entstandene digitale Ausstellungskatalog des Ensembles potenziell von ganz unterschiedlichen Publikumsgruppen rezipiert werden kann und offensichtlich auch rezipiert wird. Das legen zumindest die Rückmeldungen nahe, die Besucher:innen anonym oder nicht-anonym nach der Tour über das Feedbackformular gegeben haben (das Ensemble hat mir freundlicherweise einen Blick auf die Antworten gewährt).

Aus den überschwänglichen Reaktionen – inklusive meiner eigenen – spricht subtil auch die Enttäuschung darüber, dass seit Pandemiebeginn (also immerhin seit einem Jahr) im digitalen Raum ansonsten nicht viel Inspirierendes entstanden ist. Viele haben deshalb schon fast die Hoffnung aufgegeben, dass sich daran noch etwas ändern könnte und warten resigniert auf die Öffnung der Häuser. Solch gelungene Projekte sind da eine willkommene Abwechslung und Inspiration. Natürlich bleiben bei allem Überschwang auch in diesem Projekt hie und da noch Wünsche offen: Die Seite hätte noch konsequenter bilingual umgesetzt und für alle Browser und mobilen Endgeräte optimiert werden können. Auch die ein oder andere Redundanz – die meisten Videos tauchen in mindestens zwei Touren auf – hätte durch andere Inhalte vermieden werden können. Doch das sind Marginalien in dem großen Wurf, der Vera Kardos, Iñigo Giner Miranda, Cathrin Romeis, Meriel Price und ihrem Team gelungen ist. Er macht nicht nur Lust auf mehr (natürlich auch im Analogen), sondern beweist zudem, dass der digitale Raum durch seine niedrigen Schwellen eben doch einen echten Mehrwert bieten kann und darauf wartet, künstlerisch erobert zu werden. Bleibt nur zu wünschen, dass sich möglichst viele Menschen im digitalen Getümmel in diese wunderschöne Ordnung verirren.

Top choices

Weil man sich in der reichhaltigen Seite leicht verlieren kann, hier die Abkürzung zu meinen ganz persönlichen Highlights – selbst Entdecken ist aber natürlich viel schöner!

Für Menschen mit Fernweh

5-Minuten-Tour Thema / Variation

Für klassische Herzen

10-Minuten-Tour 1-2-3-4

Für Interaktive

20-Minuten-Tour Made for you

Bei den Wahlmöglichkeiten empfehle ich:

  • DieOrdnungDerDinge
  • Kathrin
  • Silence must be!

Für Poet:innen des Alltags

10-Minuten-Tour Symphonie einer Großstadt

Bei den Wahlmöglichkeiten empfehle ich:

  • Alexanderplatz,
  • Im Stadtgetümmel erst Kathrins Arztgeschichte, dann Iñigos Stream of Consciousness und schließlich noch ein bisschen Musikradio. ¶