The Wings of Songs, ein Propaganda-Musical der Kommunistischen Partei Chinas, beginnt mit einer sanften Melodie, scheinbar hervorgerufen von drei attraktiven Mitgliedern einer Boyband (den Protagonisten des Films), die mit ihren Instrumenten auf einer Bühne in einem riesigen Fernsehstudio stehen. Die Handlung im Bild und die Musik passen allerdings überhaupt nicht zusammen. In dieser Eröffnungsszene spielt die Band gerade im Viertelfinale einer Castingshow, die an Voice of China erinnert. Man sieht die Musiker Akkordeon, Gitarre und Percussion bearbeiten, aber man hört fast nichts von ihrem Treiben. 

Vor allem nicht, nachdem diese (wahrscheinlich ungewollte) Karikatur einer langsamen Einleitung in einen heiteren Dance-Track übergeht. Ein Darsteller spielt noch immer Gitarre, aber im Soundtrack ist nichts davon zu finden. Der andere hämmert merkwürdig virtuos auf seinem Akkordeon herum, das Ohr sucht vergeblich danach. Stattdessen ist eine eingängige Melodie aus Synthesizer-Pfeiftönen zu hören. Der dritte im Bunde spielt eine Trommel. Der Rhythmus seiner Hände passt nicht im entferntesten zum stampfenden elektronischen Beat (genauso wenig gehen die Lippenbewegungen mit dem gesungenen Text zusammen).  

The Wings of Songs wurde im April 2021 von der staatlichen chinesischen Filmbehörde veröffentlicht und von westlichen Medien sofort als Propaganda entlarvt. Folglich schauten nur wenige Journalist:innen den Film von Anfang bis Ende. Wer es trotzdem macht, lernt viel: nicht nur über die Kommunistische Partei Chinas, sondern auch über Fähigkeiten von Musik, die man sich lieber nicht vor Augen führt. 

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Im Musical kommt die Band ins Halbfinale, aber die Jury rät den Jungs, sich musikalisch stärker auf das Erbe ihrer »Heimat« zu beziehen. Diese eigentlich recht wohlwollende Kritik führt zu einer künstlerischen Krise: Der Frontsänger will den Wettbewerb schmeißen und seine Kompositionen überarbeiten. Seine Freundin, die nachvollziehbar wenig Lust hat, weiterhin die gesamte Miete für das Apartment der beiden in Shanghai zu bezahlen, macht Schluss. Der Sänger stürmt aus der Wohnung, und wirft dabei symbolträchtig eine Spieluhr, die Beethovens Für Elise spielt, zu Boden. 

Nachdem ihn nun endlich weder seine attraktive und liebevolle (Ex)Freundin noch seine schöne Wohnung in Shanghai halten, beschließt der Sänger, in die Provinz, in der er geboren wurde, zurückzukehren und dort nach Inspiration zu suchen. Seine Bandkollegen sind erst genervt von dieser Idee, erkennen am Ende jedoch den tieferen Sinn der Reise und begleiten ihn. 

Die drei jungen Männer werden beharrlich verfolgt von einer Video-Bloggerin, die ihren Selfie-Stick schwingt wie einen Degen im Duell. Sie verirren sich in der Wüste, laufen aber nie wirklich Gefahr zu verdursten, und sehen ein paar Wildpferde. Sie flirten mit alten und neuen Flammen, und scheinen sich dabei immer wieder entscheiden zu müssen zwischen den bildschönen, bescheidenen und aus unerfindlichen Gründen unglaublich in sie vernarrten ortsansässigen Frauen und dem, was sie ihren »musikalischen Traum« nennen. The Wings of Songs setzt außerdem lokales Essen, die glorreiche Vergangenheit der Kulturrevolution und Tanzeinlagen, die durch die Anzahl der Beteiligten an die Eröffnung der Olympischen Spiele 2008 in Peking erinnern, in Szene. Auf der Reise lernen die drei Musiker den wahren Wert von Freundschaft kennen. Der Weg ist das Ziel. Eat, play, love.

Diese herzerwärmende Handlung entspinnt sich in der Xinjiang Uyghur Autonomous Region, wo die muslimischen Uiguren beheimatet sind. Nach der Gründung der Volksrepublik China 1949 wird Xinjiang in die Volksrepublik eingegliedert und zunehmend von Han-Chinesen besiedelt, die Traditionen der Uigur:innen wurden durch die Kulturrevolution und die Sinisierung weitgehend zerstört. Politische Protestbewegungen in den  1990er Jahren  lösten in Xinjiang teilweise gewaltsame Auseinandersetzungen mit der Regierung aus.

Ab 2016 verfolgt die chinesische Regierung in Xinjiang – in Anlehnung  an den amerikanischen »War on Terror« – eine Politik des »demografischen Genozids«. Der Associated Press zufolge werden schwangere Uigurinnen zu Abtreibung und Sterilisation gezwungen. Eine BuzzFeed News Recherche ergab, dass über eine Millionen Uigur:innen in arbeitslagern interniert sind oder waren. Die dort produzierten Waren werden zum Teil in Amerika und Europa verkauft. 2019 wurden der New York Times Dokumente der chinesischen Zentralregierung zugespielt, in denen empfohlen wird, Uigur:innen, die »von ungesunden Gedanken infiziert« seien, zu inhaftieren.


Die unheilige Allianz von Musik und Propaganda ist bekannt. Gerade Propaganda in Oper und Musikdramen hat im kommunistischen China eine lange Tradition. Die Kulturrevolution brachte fast 20 »revolutionäre Opern« hervor, unter der Aufsicht von Mao Zhedongs Ehefrau Jiang Qing. Diese Stücke sind in ihrer Schlichtheit und ihrem durchschaubar didaktischen Ansatz kaum zu ertragen (allerdings passt die langweilig vor sich hin zockelnde Musik ganz gut dazu). Auch The Wings of Songs nervt. Aber schwerer wiegt, dass in diesem Musical Hör- und Sichtbares auseinandergerissen werden. Der Film zeigt großartige Natur, wunderbares Essen und lachende Menschen in traditionellen Gewändern. Was wir zeitgleich hören, kommt eher dem Auslöschen einer Kultur gleich. 

Bei einer gigantischen Tanznummer etwa in der Mitte von The Wings of Songs (das Ganze Spektakel dauert weniger als zwei Stunden – ein Vorteil gegenüber den »revolutionären Opern«) sehen wir massenhaft Männer mit traditionellen Handtrommeln aus Xinjiang, andere halten Blasinstrumente, die nach Shehnais aussehen. Wenn sie alle diese Instrumente wirklich spielen würden, erklänge eine wundervolle Kakophonie, voll verschobener Rhythmen und pulsierender Mikrotöne. Aber wir hören nichts als eine einzige sich windende Geige über einem aufdringlichen elektronischen Beat. Hier schrumpft musikalisch alles auf den kleinsten gemeinsamen Nennen zusammen: eine eingängige Melodie und einen Rhythmus zum Mitklatschen. Die Kultur der Uigur:innen wird vereinfacht und so verpackt, dass man sie der Han-chinesischen Mehrheit vorsetzen kann, deren Regierung explizit das Ziel verfolgt, genau diese Kultur auszulöschen. 

Ganz ähnlich gestaltet sich der emotionale Höhepunkt des Films: Der Akkordeonist und Frontsänger trifft Herrn Li , einen Han-chinesischen kommunistischen Lehrer, der ihn in Xinjiang aufzog und ihm das Akkordeonspiel beibrachte. (In einer gleichermaßen lächerlichen wie merkwürdig heroischen Szene verliert Herr Li seinen kleinen Finger, was ihn aber nicht am Akkordeonspielen hindert.) Der Sänger will seinem Ziehvater zeigen, wie viel er auf der Reise über den wahren Wert der Musik gelernt hat. Er greift zum Akkordeon, während Tränen über sein Gesicht rinnen. Und beginnt zu spielen. 

Oder vielmehr: Knöpfe auf diesem Instrument aus Xinjiang zu drücken. Parallel hören wir eine westliche Orchestermusik, die nach Disney klingt und in der weit und breit kein Akkordeon vorkommt. Dazu sehen wir eine Träne in Slow Motion auf der Hand des Musikers landen. Zu großen Emotionen, so scheint The Wings of Songs zu sagen, passt die traditionelle Musik der Uigur:innen nicht.  


Die Band plündert die eigene Heimat erst musikalisch – wobei sie allerdings nur das aller Oberflächlichste mitnimmt – und feiert dann einen großen Triumph: Am Rande eines Sees, an dem ihn seine Frau verlassen hat (fragt nicht, warum), spielen sie ein Konzert für Herrn Li. Endlich erfüllt auch die Figur der Video-Bloggerin eine Funktion, denn sie filmt die Performance und streamt sie on WeChat, wo sie gleich zum viralen Hit wird. »Xinjiang ist so ein schöner und überwältigender Ort«, macht die Bloggerin die Message zum Schluss nochmal ganz deutlich. »Ganz verschiedene Minderheiten und Kulturen haben hier ihren Reiz auf mich ausgeübt. Ich komme auf jeden Fall wieder.«

Dann rollt der Abspann, der zeigt: Beteiligt an dem Filmprojekt ist unter anderem das International Chief Philharmonic Orchestra of Beijing, das verantwortlich ist für die  pseudo-chopinartigen Zwischenspiele mit Streichinstrumenten und Klavier. Orchester in Europa und den USA behaupten gerne, China sei die Zukunft der klassischen Musik, weil hier Kaufkraft als auch Verehrung des klassischen westlichen Werkkanons aufeinandertreffen. Aber auch dieses Repertoire kann instrumentalisiert werden, um ein Apartheidsregime zu unterstützen. (Vor einigen Jahren traf ich einen Manager von einem europäischen Autokonzern in Peking. Es sei unproblematisch, meinte er, eine Fabrik in Xinjiang zu betreiben, weil der Konzern gelegentlich Konzerte für die Arbeiter:innen veranstalte.) 

The Wings of Songs hinterlässt ein unangenehmes, leeres Gefühl. Hervorgerufen wird es sowohl durch den grausamen Umgang der chinesischen Regierung mit den Uigur:innen, die der Film gerade nicht zeigt, als auch durch die merkwürdige Glätte der Musik. Jede Dissonanz huscht schnell vorbei, jede Tonhöhe wird durchgängig exakt gehalten, jeder Track künstlich überproduziert. Den Soundtrack zu The Wings of Songs zu hören ist, als würde man einem Musikproduzenten dabei lauschen, wie er die Vielfalt menschlicher Erfahrungen so lange durch Autotune jagt, synchronisiert und komprimiert, bis ein einziger langer, glänzend aufpolierter Soundblock übrig bleibt. 

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Und genau das ist wahrscheinlich das Problem. Populäre Musik aus Xinjiang »gab uigurischen Musiker:innen und Zuhörer:innen die Möglichkeit, verschiedene Gefühle von Gemeinschaft und Selbst auszudrücken und kosmopolitische Ideen über Zugehörigkeit zu erkunden«, wie Elise Anderson kürzlich in der Los Angeles Review of Books schrieb. Für die Kommunistische Partei Chinas war das eine Bedrohung. Die chinesische Filmbehörde engagierte eine Han-chinesische Komponistin, Dong Yingda, um The Wings of Songs zu vertonen. In der von der Regierung kontrollierten Global Times sagte Yingda, sie hoffe, »den Charme der Geschichte durch emotionale Musik auszudrücken, die starke ethnische Charakteristika aus Xinjiang aufweist«. Genau diese Elemente sind es, die die chinesische Regierung auslöschen oder zumindest auf harmlose kleine Touristenattraktionen reduzieren will.

An The Wings of Songs haben auch einige uigurische Musiker:innen mitgearbeitet, allerdings sind viele ihrer ehemaligen Kolleg:innen bereits in Gefangenenlager der Kommunistischen Partei Chinas verschleppt worden. 

Einer von ihnen ist der Dotarist Abdurehim Heyit. Er war offenbar von 2017 bis 2019 inhaftiert und wurde dann auf internationalen Druck hin freigelassen. Einen größeren Kontrast zwischen seinen Videos, die auf Youtube verfügbar sind, und den Konservenklängen aus The Wings of Songs kann man sich kaum vorstellen. Wenn Heyit spielt, klingt sein Dotar lebendig, wie eine vibrierenden Stimme. Die leichte Anspannung in seinen hohen Tönen gleicht einem verzweifelten, aber dennoch würdevollen Flehen. Den festen Griff seiner Finger auf seinem Dutar spürt man als Hörer wie wenn jemand, der einen am Arm packt; der Resonanzkörper des Instruments lässt die Luft genauso raffiniert schwingen, wie er selbst konstruiert ist. Diese Klänge scheinen alle Vielfalt der menschlichen Erfahrung zu enthalten, Komplexitäten, die die Kommunistische Partei Chinas an ihren Grenzen auslöschen will. 

In The Wings of Songs sagt eine Figur: »Wer Musik liebt, ist nie böse.« Dass eine Aussage selten auf so perverse Weise daneben lag, beweist der Rest des Films. ¶

Jeffrey Arlo Brown

...ist seit 2015 Redakteur bei VAN. Seine Texte sind auch in Slate, The Baffler, The Outline, The Calvert Journal und Electric Lit erschienen. Er lebt in Berlin.