Sisyphos wurde von den Göttern auferlegt, einen großen Stein auf die Spitze eines steilen Berges zu schaffen. Der Stein rollte, kaum dass Sisyphos am Gipfel angekommen war, immer und immer wieder hinunter, was man sich als existenziell frustrierend vorstellen darf. Der Dichter Albert Camus analysierte das Schicksal des korinthischen Königs viele hundert Jahre später und postulierte: Wir müssen uns Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen. Ich sage: Sisyphos ist eigentlich Geiger.

Unser Felsbrocken ist die Tonleiter. Jeden Tag Tonleitern, Tonleitern jeden Tag. Auf einem Bogenstrich, auf mehreren Bogenstrichen, gezupft, in Doppelgriffen, im Flageolett, durch alle Tonarten, Saiten und Lagen. Wer hält das aus? Ein Geiger muss das aushalten. Wer dafür nicht gemacht ist, sollte es lassen. Ich bin dafür nicht gemacht, aber ich lasse es auch nicht.


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... arbeitet als Redakteurin bei der Religionsbeilage der ZEIT, Christ & Welt. Ausgebildet wurde sie an der Henri-Nannen-Schule. Falls es mit dem Geigenspiel nicht klappt, möchte sie auf Oboe umsteigen.