Sisyphos wurde von den Göttern auferlegt, einen großen Stein auf die Spitze eines steilen Berges zu schaffen. Der Stein rollte, kaum dass Sisyphos am Gipfel angekommen war, immer und immer wieder hinunter, was man sich als existenziell frustrierend vorstellen darf. Der Dichter Albert Camus analysierte das Schicksal des korinthischen Königs viele hundert Jahre später und postulierte: Wir müssen uns Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen. Ich sage: Sisyphos ist eigentlich Geiger.

Unser Felsbrocken ist die Tonleiter. Jeden Tag Tonleitern, Tonleitern jeden Tag. Auf einem Bogenstrich, auf mehreren Bogenstrichen, gezupft, in Doppelgriffen, im Flageolett, durch alle Tonarten, Saiten und Lagen. Wer hält das aus? Ein Geiger muss das aushalten. Wer dafür nicht gemacht ist, sollte es lassen. Ich bin dafür nicht gemacht, aber ich lasse es auch nicht.

Als Geigenschüler hat man immer ein latent schlechtes Gewissen, weil das Instrument so viel mehr von einem verlangt, als man ihm geben kann. Man schleppt in der Beziehung immer ein bisschen. Um diese Situation erträglicher zu gestalten, bin ich stets auf der Suche nach ganz praktischen oder auch philosophischen Tipps, die mir das Erlernen dieses kapriziösen Instruments irgendwie erträglicher machen. Nun hat Itzhak Perlman eine vielstündige Masterclass aufgenommen – und zwar für das gleichnamige Portal (masterclass.com), in absoluter Netflixqualität. Perlman hat jahrzehntelang jeden Tag eine Stunde Tonleitern geübt. And look where it got him!

Masterclasses gibt es schon sehr lange. Normalerweise finden Sie an Unis statt, ein berühmter Instrumentalist lässt einen Studenten etwas vorspielen und sagt hinterher, was genau daran schlecht war und wie man es verbessern könnte. Der König dieser Art von Meisterkurs ist der Geiger Maxim Vengerov. Er scheint gar nichts anderes mehr zu machen. Vengerov vertritt einen eher aggressiven Ansatz, Formulierungen wie »das war gar keine Musik« haut er den armen Schülern einfach so um die Ohren.

Perlman macht das anders, Perlman ist ein Gentleman. Für seine Masterclass hat er in einem halberleuchteten Theater Platz genommen, in Strickjacke, seine Stradivari neben sich, und erklärt einmal alles: vom Bogenstrich an aufwärts. Kann das auch mir helfen?

»Ein Musiker muss ein Magier sein. Niemand darf je ganz verstehen, was man da eigentlich genau macht.« Das ist einer seiner ersten Sätze. Musik, die weit genug fortgeschritten ist, könnte man in Abwandlung eines berühmten Diktums des Dichters Arthur C. Clarke sagen, ist von Zauberei nicht mehr zu unterscheiden. Diese Art von Einschätzung ist Perlmans Stärke. Andere großartige Sentenzen wären: »Ich möchte keinen Klang von Joghurt, ich möchte einen Klang wie Vanilleeis.« Oder: »Ein hochromantisches Vibrato ist vollmundig. Wie rotes Fleisch.« Wer Perlmans Instagram-Account folgt, weiß, dass Grillen seine große Leidenschaft ist. Daher die kulinarische Metaphorik. Nebeneffekt: Man wird bei dieser Masterclass sehr hungrig.

Metaphern sind ja das eine, brauchbare Ratschläge das andere. In Kapitel eins geht es also um den Bogenstrich, für mich eine anbetungswürdige Bewegung von ewiger Schönheit. Perlman sagt, man soll während des Streichens mit dem Bogen eine Art Acht beschreiben. Das sagt meine Geigenlehrerin auch. Immerhin. Aber: Das Leichte ist das Schwere. Weiter geht es mit verschiedenen Stricharten. Ich dachte immer, mein spiccato sei okay, aber Perlman macht es komplett aus dem Handgelenk, ich benutze dabei immer mindestens den halben Arm. Hier gibt der Geiger den ersten sehr brauchbaren Hinweis: »Don’t make it happen, let it happen.« Und das stimmt, wenn man Dinge zu sehr erzwingen will, wird es gar nichts. Ich merke mir: Nicht zu viel denken!

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Fünfzig Prozent des Gehirns eines geigenden Menschen sollen allein mit der Intonation beschäftigt sein, sagt Itzhak Perlman. »Sie müssen obsessiv darauf fixiert sein, jeden Ton tödlich genau zu treffen.« Okay, aber wie? Von Korrigieren hält Perlman gar nichts. Treffe man einen Ton nicht, solle man nicht mit dem Finger so lange herumsuchen, bis man ihn hat, und dann einfach weiterspielen. Genau das mache ich. Laut Perlman ist das Quatsch, denn so könne sich das Hirn nie den eigentlich korrekten Abstand einprägen – statt zu korrigieren bittet er darum, komplett mit dem Spielen aufzuhören und sich einmal zu fragen: War ich zu hoch oder zu niedrig? Und dann soll man das Intervall nochmal neu spielen, bis es richtig ist. Denn: »Ist eine Phrase erstmal falsch intoniert, tendiert die nächste dazu, es auch zu sein.«

Mich als Anfänger freut es, dass Perlman sich auch am ewigen Krieg gegen die Tasteninstrumente beteiligt. Es ist ein stehender Topos unter Geigern, sich hochmütig gegenüber einem Klavierspieler zu geben. Dieser muss als Anfänger bloß eine Taste drücken, und ohne sein Zutun erklingt ein halbwegs schönes, sicher gestimmtes a. Der Mechanik wegen. Für einen Anfänger an der Violine ist es wirklich ungleich schwerer, ein einfaches a zu produzieren, einen schönen Ton (kann Jahre dauern). Dazu muss man gut streichen können, und streichen, siehe oben, ist wie Zaubern. Perlman festigt einen in der Überzeugung, sich wirklich das schwierigste aller Instrumente ausgesucht zu haben. Die Körperhaltung: unmöglich. Die Herausforderungen: unmenschlich. Das ist gesunder Elitismus! Ein Zitat zum Zusammenspiel mit einem Piano ist zu schön, um es zu verschweigen: »Das a eines Klaviers müssen Sie kritiklos hinnehmen.« – »If the piano gives you an a, take it at face value.«

Auf das Vibrato-Kapitel freute ich mich ganz besonders. Denn ich schaffe das einfach nicht. Die Koordination aus eigentlich gegriffener Seite und regelmäßig zitternder Hand. Jedes Mal, wenn ich es versuche, fühle ich mich, als hätte ich gerade einen Mini-Schlaganfall erlitten. Ich weiß theoretisch, was meine Hand tun muss, aber ich kriege es nicht hin, es ist so, als wäre die Kommunikation zwischen Hirn und Hand dann irgendwie gestört. Perlman sagt, das Vibrato ist der Fingerabdruck eines Geigers. Er demonstriert verschiedene Vibrato-Intensitäten auf der nach oben offenen Tschaikowsky-Skala. Ich fand immer, dass Perlman alles mit Fingervibrato löst, und das gibt er in dem Video auch zu. Warum darf ich das dann nicht auch? Die anderen Vibrato-Arten sollen angeblich leichter zu erlernen sein, ich finde das gar nicht und werde mich zukünftig auf Perlman berufen. Leider erklärt er gar nicht, wie man seine Hand überhaupt vibrierend koordiniert, beim Bogenstrich war er da ausführlicher. Schade.

Ein Höhepunkt dieser Masterclass sind Perlmans Schüler. In manchen Kapiteln treten sie als Versuchsobjekte auf. Berichten von Lampenfieber und wie man es besiegt (gar nicht) oder löchern ihn mit Fragen. »Was tun Sie, wenn der Dirigent in der Probe das Orchester viel zu laut spielen lässt?« Perlman, das Schlitzohr: »Ich drehe mich zum Publikum und frage: Hören Sie das Orchester laut genug, ja?«

Es schmerzt beim Schreiben, aber Perlmans eigene Spieleinlagen sind keine Höhepunkte der Masterclass. Er demonstriert ein bisschen Mendelssohn und Beethoven, ein schlechter Abglanz früherer Perfektion – liegt es daran, dass seine Hände beharrlich zittern? Man sieht sie eben genau so in Großaufnahme, zum Beispiel während er die Unterschiede zwischen russischem und französischem Bogengriff erklärt. Nur der Bach, den kann er noch. Für die Solosonaten brauche man ein inneres Metronom, meint Perlman, man müsse sich das Tiktak selbst einhämmern, sonst »fliegt das Tempo bei den Solosonaten aus dem Fenster« und das gehe nicht.

Welches Ideal verfolgt nun Herr Perlman in seinem Meisterkurs? Auf der üblichen Skala zwischen Gefühl und Analyse ist er eher beim Gefühl zu finden. Für ihn gibt es bei einem Geiger (er nennt sie »fiddle players«) nicht Größeres als einen schönen Ton. Sein Idol in dieser Hinsicht ist Fritz Kreisler. Dessen Version der Thais-Meditation, ein Stück von berückender Einfachheit, klinge wie Butterscotch. Der Ton eines Musikers sei das, was einen als Erstes und am stärksten vor allen anderen Dingen berühre, sagt Perlman.

Itzhak Perlman hat, wie schon erwähnt, jahrzehntelang jeden Tag Tonleitern geübt. Und so empfiehlt er es uns Sterblichen in dem Kapitel zur Frage, wie man üben sollte auch. Bei Tonleitern könne man nichts verstecken, die Intonation schon gar nicht, es gehe um einzelne, klare Töne. Drei Stunden pro Tag üben wären also ideal, in der zweiten dann Etüden – Perlman zählt auch die Paganini-Capricen zu den Etüden – und in der dritten schließlich Konzertrepertoire. Mehr als fünf Stunden pro Tag dürften es jedoch nicht sein, meint Perlman. Man soll sehr langsam üben, man soll ein Metronom benutzen. Man soll sich klarmachen: »Es wird vom Üben besser, nicht schlechter!« Da kann ich Perlman allerdings mit meiner Privatempirie widerlegen. Manchmal wird es vom Üben auch schlechter, weil man die Sache zerdenkt, anstatt einfach zu machen. Der erste Versuch ist interessanterweise oft der Beste.

Tonleitern sollen klingen wie schönste Melodien, meint der Geiger. Als der kleine Itzhak in jungen Jahren dem großen Jascha Heifetz vorspielen durfte, hat dieser spontan Tonleitern verlangt und war von denen dann sehr beeindruckt. Zum Abschluss des Übe-Kapitels hat Perlman noch eine seiner Metaphern parat. »Punktierte Rhythmen sind wie Aspirin, sie helfen gegen alles.« Das werde ich in mein Probeprogramm aufnehmen. Tonleitern, ein Metronom und punktierte Rhythmen. Ob’s hilft?

Die Geigen-Masterclass von Itzhak Perlman im Selbsttest in @vanmusik. Klick um zu Tweeten

Die professionellen Geiger unter Perlmans Zuschauern werden sicherlich noch ganz andere Gedanken nützlich finden. Die Erklärungen zum Instrumentenerwerb oder zu der Frage »habe ich Talent, sollte ich eine musikalische Karriere versuchen?« In dieser Hinsicht fand ich Perlmans Idee sehr einleuchtend, dass man sich als angehender Geiger fragen sollte: Kann ich ohne die Geige NICHT leben?

Also, ich könnte vielleicht, ich bin ja nur eine Art Hobby-Sisyphos. Perlman bestärkt aber eben auch uns Laien in dem Eindruck, einer speziellen Zunft von Musikern anzugehören, die es mit einem übertrieben schwierigen Instrument aufgenommen haben. Er nimmt uns in seine Identität mit hinein. Das ist eine angenehme Erfahrung.

Irgendwo in einem Geigenforum im Netz habe ich mal den schönen Satz gelesen »niemand hat jemals rein intoniert.« Das beruhigt mich immer. Bei Perlman bin ich mir da allerdings nicht sicher. Nach der Masterclass lege ich nochmal Perlmans berühmte Aufnahme der Bach Solosonaten und Partiten von 1988 auf. Es ist alles da, der schöne und voluminöse Ton, das mathematisch exakte Tempo, das saftige Fingervibrato. Das Ganze ist, obwohl man um die Zutaten weiß, trotzdem, und kurz gesagt, von Zauberei einfach nicht zu unterscheiden. ¶

Christina Rietz

... arbeitet als Redakteurin bei der Religionsbeilage der ZEIT, Christ & Welt. Ausgebildet wurde sie an der Henri-Nannen-Schule. Falls es mit dem Geigenspiel nicht klappt, möchte sie auf Oboe umsteigen.