Seit 1987 spielt sich in der nordfriesischen Stadt Husum ein jährliches Klavierfestival ab, das sich sehr bald nach seiner Gründung durch den Berliner Pianisten Peter Froundjian zu einer festen Größe abseits der Mainstream-Festspielsaison etabliert hat. Im letzten Jahr musste das Festival pandemiebedingt erstmals ausfallen – sonst gibt es im Schloss vor Husum allsommerlich für eine gute Woche tägliche Klavierabende zu erleben, und zwar mit einem Repertoire, das man zum größten Teil anderswo nicht oder kaum jemals erleben kann. Die vierunddreißigste Edition des Festivals präsentierte vom 14. bis 22. August, mit kleinen Abweichungen, das Programm, das für 2020 geplant war. Wendelin Bitzan war dabei, hat zugehört und Eindrücke gesammelt.

Husum ist ein Phänomen. Die großen Namen der Klavierwelt sind hier nur selten anzutreffen, wenn man einmal von Marc-André Hamelin absieht, der schon fünfzehn Mal beim Festival aufgetreten ist. Aber was können Ruhm und Glamour in einer pianistischen Szene, die jedes Jahr eine Vielzahl von Hochschulabsolvent:innen in einen prekären Arbeitsmarkt integrieren muss, wirklich bedeuten? In Zeiten des Rückgangs von Tonträgerveröffentlichungen und eines sich durch konservative Programmgestaltung immer weiter einebnenden Standardrepertoires wachsen die Herausforderungen für aufstrebende Künstler:innen stetig an – und die Aufgabe, sich als freischaffende:r Pianist:in konzertierend zu behaupten, wird auch mit Wettbewerbspreisen oder Lehrpositionen nicht leichter zu meistern. Dennoch gibt es Musizierende, die sich trotz der Notwendigkeit, wirtschaftlich zu überleben, um künstlerische Eigenständigkeit und Selbstentfaltung bemühen – und dafür müssen es nicht die großen Säle oder die Beachtung des überregionalen Feuilletons sein. Husum ist ein Ort, wo pianistische Exzellenz auch ohne Schaulaufen und repräsentativen Rahmen zu erleben ist. Hierher kommt man nicht um der Reputation willen, sondern um Ideen, die einem am Herzen liegen, zu verwirklichen: Idealismus ist sowohl auf Seiten des Organisationsteams und der Künstler:innen als auch beim Publikum spürbar.


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… Wendelin Bitzan ist Musiker, Musikforscher und digitaler Urheber. Er unterrichtet Musiktheorie und Musikwissenschaft an Hochschulen, spielt gelegentlich an öffentlichen Orten Klavier, redet und schreibt leidenschaftlich gern über Musik und setzt sich für die Interessen freischaffender Musiker:innen ein.