Im Juni besuchte ich den Pianisten und Musikwissenschaftler Robert Levin in seinem Haus in Cambridge, Massachusetts. Ausgaben der Gesamtwerke von Mozart, Schubert, Beethoven und vielen anderen Komponist:innen zieren sein Wohnzimmer. Levin besitzt die fast unheimliche Gabe, ein Werk in seine einzelnen Stilelemente zu zerlegen – ein bemerkenswerter Prozess der Destillation und Abstraktion, den Levin mit […]
Schlagwort: Komponist:innen
87/250: Cécile Chaminade
Sie ist eine der bekanntesten Komponistinnen des späten 19. Jahrhunderts überhaupt: Cécile Chaminade. Geboren wurde sie am 8. August 1857 in Paris. Ihre Mutter war Sängerin und Pianistin und unterrichtete das Mädchen – drittes von vier Kindern – am Klavier. Kompositionen entstanden ab Chaminades achtem Lebensjahr. In Pariser Salonkreisen nannte man sie »Wunderkind«. Chaminades Vater […]
Die Anti-Diva
Pauline Viardot, die vor 200 Jahren in Paris in eine andalusische fahrende Opernfamilie hineingeboren wurde, war in jeder Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung: Sie komponierte und veröffentlichte (vor allem Vokalwerke mit französischen, russischen, deutschen, italienischen und spanischen Texten), spielte Klavier auf dem Niveau einer Clara Schumann, unterrichtete, vermittelte zwischen Künstler:innen, Gönner:innen und Kulturen, betätigte sich als Herausgeberin, […]
»Kinder zu entführen, um sie in einer Hofkapelle als Chorknaben einzusetzen, kam damals öfter vor.«
»Eigentlich« heißt Orlando di Lasso: Roland oder Orlande de Lassus. Denn er kam um 1532 nicht etwa – wie sein später italianisierter Name den Anschein macht – in Italien zur Welt, sondern in Mons auf dem Gebiet des heutigen Belgiens. Weitere Fakten zu di Lasso liefert Bernhold Schmid von der Orlando di Lasso-Gesamtausgabe der Bayerischen […]
86/250: Ruth Zechlin
Im sächsischen Großhartmannsdorf – südlich der Mitte von Dresden und Chemnitz, nahe der tschechischen Grenze gelegen – kam am 22. Juni 1926 Ruth Oschatz zur Welt. Beide Eltern waren Pädagog:innen. Ruth Oschatz’ Vater erhielt 1928 eine Dozentenstelle an der Universität von Leipzig. Er war es auch, der Ruth Oschatz in jungen Jahren Klavier- und Musiktheorie-Unterricht […]
Post aus Bayreuth (2): »You häff to go where ›Garderobe‹ stands«
Wie eine Alien-Parade muss Otto und Frieda Normalbayreuther dieser allsommerliche Aufmarsch der Wagnerfreunde erscheinen, 150 Jahre nach der zufälligen Erstlandung des Meisterraumschiffs im fränkischen Städtchen. Aber man integriert das Fremde! Im Frühstückszimmer meiner Pension, die zur Festspielsaison die Preise verdoppelt, prangt ein Druck der jungwagnerschen Dirigiersilhouette harmonisch neben drei kapitalen Hirschgeweihen. Und mit etwas Mühe […]
»Vieles ist mit Musik nicht darzustellen, darüber kann man besser lesen.«
Zeitgenössische Musik ist nicht nur »neu«, sie ist auch ein Archiv. Kein Werk entsteht im geschichtslosen Raum. Was aber, wenn Musik zum Erinnerungsraum erklärt wird und gezielt erinnern soll? An der Akademie der Künste widmet sich das Festival Memories in Music dieser Frage und präsentiert Werke, die Erfahrungen und Erinnerungen vergegenwärtigen. Es geht um Migrationsgeschichten, […]
85/250: Kerstin Thieme
Kerstin Anja Thieme wurde bei der Geburt am 23. Juni 1909 im erzgebirgischen Niederschlema das männliche Geschlecht zugewiesen. Kerstins Vater war Papierfabrikant und im bildungsbürgerlichen Hause Thieme waren alle wirtschaftlichen Mittel für eine gute musikalische Früherziehung vorhanden. Kerstin Thieme studierte nach dem Abitur in Aue ab 1929 zugleich Schulmusik und Komposition in Leipzig. Ihr Kompositionslehrer […]
Post aus Bayreuth (1): Mama räumt auf in der Männerpsycho-Küche
Die Welt ist wieder heil, als sie endlich von Neuem untergeht. Als die Sturmmusik des Fliegender Holländer-Vorspiels losbraust, ist die westdeutsche Flutkatastrophe mit allem Drumherum weit weg. Und auch die Corona-Pandemie irgendwie vergessen, wie wir da im Bayreuther Festspielhaus sitzen, durchgeimpft und abmaskiert und hemdesärmelig durchlüftet dank Sitzanordnung im Schachbrettmuster (ob’s was hilft in der […]
»Ein hoher Ton, ein tiefer Ton, ein Ton in der Mitten.«
Es gibt Menschen in »führenden Positionen« des Musikleben Deutschlands, die Zwölftonmusik nach eigenen Angaben »hassen«. Man kann jetzt gefühlig fragen: »Woher eigentlich dieser Hass?« Man kann aber auch einfach kurz sagen, warum es Zwölftonmusik überhaupt gibt und wie sie funktioniert. Eine mir bekannte (echte) Prinzessin – eine Malerin – hatte auf ihrer Gästetoilette ein Spruchbild […]
