»Eigentlich« heißt Orlando di Lasso: Roland oder Orlande de Lassus. Denn er kam um 1532 nicht etwa – wie sein später italianisierter Name den Anschein macht – in Italien zur Welt, sondern in Mons auf dem Gebiet des heutigen Belgiens. Weitere Fakten zu di Lasso liefert Bernhold Schmid von der Orlando di Lasso-Gesamtausgabe der Bayerischen Akademie der Wissenschaften.

VAN: Orlando di Lasso hatte angeblich als Kind eine so schöne Stimme, dass er deswegen mehrere Male entführt worden sei. Ist das nur eine Musikgeschichts-Mär – oder ist das tatsächlich authentisch überliefert?

Bernhold Schmid: Das stimmt in der Tat. Dreimal wurde er entführt, zweimal von seinen Eltern zurückgeholt, das dritte Mal, 1544, ging er mit seinem letzten Entführer, dem Vizekönig von Sizilien und kaiserlichen Feldherrn Ferrante Gonzaga, nach Italien. Er war 12 oder 14 Jahre alt, je nachdem, ob man 1532 oder 1530 als Geburtsjahr annimmt. Die Geschichte ist durch Lassos ersten Biographen Samuel Quicchelberg bezeugt. Quicchelberg, ein am Münchner Hof beschäftigter Humanist und mit Lasso bekannt, schrieb in der Prosographia heroum atque illustrium virorum totius Germaniae darüber. Sein Artikel in diesem biographischen Lexikon in lateinischer Sprache aus dem Jahr 1566 wurde 1578 ins Deutsche übersetzt. Da heißt es: ›… hat man jn zu dem dritten malen heimmlich auß der schul gestolen. … Zu dem dritten mal kam er nit wider/ sonder bewilliget bey Ferdinando Gonzaga … zu verharren.‹ Kinder zu entführen, um sie in einer Hofkapelle als Chorknaben einzusetzen, kam damals öfter vor. Der bayerische Herzog Wilhelm V., Lassos ›Chef‹ am Münchner Hof, empfahl seinem Rat Anselm Stöckl, auf diese Weise Chorknaben zu beschaffen. Lassos Entführung war weithin bekannt und wurde oft schon in historischer biographischer Literatur zitiert. Auch der evangelische Theologe Heinrich Pipping greift in seinem Buch De raptu liberorum [Über die Entführung von Kindern] von 1690 den Fall auf.

Orlando di Lasso verbrachte fast vier volle Jahrzehnte als Musiker an der Hofkapelle in München und hat wohl perfekt Deutsch gesprochen. Mir scheint, er mache sich in manchen Liedern kreativ über die deutsche Sprache lustig. War di Lasso der humorvollste Komponist der Renaissance?

Lasso hat mit einiger Sicherheit perfekt Deutsch gesprochen, weil er seit Herbst 1556 in München lebte. Möglicherweise hatte er gar einen bayerischen Akzent – nicht nur, weil er in Bayern lebte, sondern auch, weil er seit 1558 mit der aus Niederbayern stammenden Regina Wäckinger verheiratet war, der Zofe der Herzogin Anna von Bayern. Vielleicht hat den mit französischer Sprache Aufgewachsenen, schon bald auch Italienisch sprechenden Lasso das Deutsch im bayerischen Dialekt amüsiert. Und Humor hatte er zur Genüge. Das zeigen nicht zuletzt seine Briefe an den bayerischen Thronfolger, den Kronprinzen Wilhelm, die in ihrem sprachlichen Kauderwelsch den ›Bäsle-Briefen‹ Mozarts nicht unähnlich sind. Deutsche Lieder hat er allerdings erst seit 1567 komponiert, also elf Jahre nach seiner Ankunft in München.

Höchst amüsant ist ohne Zweifel die Aufzählung der verschiedenen Nasenformen im deutschen Lied Hort zu ein news gedicht von 1576. Man erfährt, dass es ›krade, krumpe, buckelte‹ Nasen gibt. Und später: ›gschneizte, rotzig, butzig, gstumpffet, kumpffet, ruessig, drieffend, blietend, schnoflent, schnaufend, schnarchent, schnopfent, frost blabe, brin rothe …‹ Die Aufzählung geht noch eine ganze Weile weiter, diesen Liedtypus bezeichnet man deshalb auch als ›Kataloglied‹. Aber letztlich ist der Witz an der Sache, welche Komik Lasso auf musikalische Weise den drastischen Bezeichnungen für die diversen Nasenformen abzugewinnen versteht. Außerdem eignet sich gerade dieses Lied, um über textlich-musikalische Metaebenen bei di Lasso zu sprechen, denn die Nase ist als Symbol für das männliche Geschlechtsteil zu verstehen, wie in der Fachliteratur schlüssig dargestellt wurde.

Wenn Sie textlich-musikalische Metaebenen ansprechen: Orlando di Lassos Villanelle Matona mia cara ist bis heute einer der bekanntesten Vokal-Hits der Renaissance. Um was geht in diesem Stück aus Ihrer Sicht – beziehungsweise: Wie sieht es hier mit Metaebenen aus?

Bei Matona mia cara, oft als ›Landsknechtsständchen‹ bezeichnet, haben wir es mit einem reichlich derben, durchaus obszönen ›Liebeslied‹ zu tun, das ein deutscher Landsknecht seiner Angebeteten singt. Er ist kein Sprachgenie, sein Italienisch hat zahlreiche Fehler, ist verballhornt, was er auch selber zugibt: ›Petracha mi non saper, ne fonte d’ Helicon‹ Das heißt etwa: ›Ich kenne weder Petrarca, noch dichterische Eingebung.‹ Der Helikon ist ein Gebirge in Griechenland, das als Sitz der Musen galt, die unserem Landsknecht offensichtlich nicht gewogen waren. Worauf er eigentlich hinaus will, verrät er in der letzten Strophe: ›Mi ficcar tutta notte, urtar come monton‹ – ›Ich treibe es jede Nacht, und stoße wie ein Bock‹, singt er ganz ohne Doppelsinn. Aber schon der Refrain, das lautmalerische ›Don, don, don, Diridiri, don, don, don, don‹ kann zweideutig gemeint sein: Man mag es für eine Imitation des Zupfens auf der Laute halten, vielleicht steht es aber auch für das, was er mit seiner Dame vorhat. ›Matona‹, die verballhornte Madonna, kann auch eine Kurtisane meinen. ›Cazze‹ wird man mit der Jagd in Verbindung bringen, es steht im venezianischen Dialekt für ›cacce‹ als Plural von ›caccia‹, ›Jagd‹, wie der Gesamtausgabe der Werke Lassos zu entnehmen ist. Es erinnert aber auch an ›cazzo‹, womit das Geschlechtsteil des Mannes gemeint sein kann, wie die Fachliteratur verrät. Man findet also reichlich Doppeldeutiges in Matona mia cara.

Der vielleicht interessanteste, sicherlich komplexeste Fall von Metaebenen bei Lasso ist aber seine ›Motette‹ S  u  su  p  e  r  per  Super  f  l  u  flu  m  i  mi  flumi  n  a  na  mina  flumina …, bei der aus Buchstaben Silben und aus Silben Worte zusammengesetzt werden. Lasso gestaltet auf diese Weise den Text des Beginns von Psalm 136, ›Super flumina Babylonis, illic sedimus et flevimus‹ [An den Wasserflüssen von Babylon, dort saßen wir und weinten], der von der Babylonischen Gefangenschaft Israels handelt. Das dürfte einer der traurigsten Texte der jüdischen Überlieferung sein. Die Art des Umgangs mit dem Text hat didaktischen Ursprung: Im Mittelalter und noch lange später lernte man auf diese Weise Lesen. Außerdem waren Psalmen Schulstoff. Auch die Komposition erinnert an didaktisches Vorgehen: Zu Beginn und immer dann, wenn neue Buchstaben eingeführt und zu Silben verbunden werden, erklingt satztechnisch Elementares, etwa Oktave – Sexte – Oktave, was jeweils in langen Notenwerten vorgetragen wird. Nach einer Weile, wenn schon etwas mehr Text zustande gekommen ist, verwendet Lasso einfache Satzmodelle, beispielsweise Ketten von Terzsextparallelen. Erst relativ spät kommen Vorhaltsdissonanzen hinein, und wenn schließlich die ersten drei Worte »Super flumina Babylonis« fertiggestellt sind, komponiert sie Lasso quasi wie den Beginn einer Motette. Ein in sich sinnvolles Stück Text ist fertig, analog dazu der Anfang einer Komposition im Stil einer Motette. Die folgenden vier Wort ›illic sedimus et flevimus‹ werden ganz ähnlich behandelt. Warum geht Lasso so vor? Letztlich ist es nicht beweisbar, ich vermute aber, dass gerade durch die an Didaktik erinnernde Art und Weise des Umgangs mit dem Text und der Musik eine weitere biblische Geschichte quasi mitgemeint und mitvertont ist, nämlich der Beginn des Buches Daniel, wo man erfährt, dass die Besten unter den gefangenen jüdischen Knaben an den Hof des babylonischen Königs Nebukadnezar gebracht wurden, wo sie Chaldäisch lernen mussten. Sollte diese Interpretation zutreffen, dann hätten wir sicherlich einen Extremfall einer textlich-musikalischen Metaebene vor uns.

Ein falscher Name, entführte Chorknaben, derbe Witze und Meta-Kompositionen: Orlando di Lasso in @vanmusik. Klick um zu Tweeten

Ist es realistisch, dass bislang noch unbekannte oder bisher verschollene Werke Lassos auftauchen?

Das ist nicht einfach zu beantworten. Ich halte es für nicht ganz abwegig, dass noch Werke Lassos auftauchen. Der allergrößte Teil des Werks dürfte aber erhalten sein, da sehr viele seiner Kompositionen eher breit überliefert sind. Quellenverluste sind trotzdem nicht auszuschließen. Lasso war der bei weitem meistgedruckte Komponist seiner Zeit. Aus den Jahren 1555 bis 1687 sind über 480 Drucke mit seiner Musik bekannt. Allein in den letzten zehn Jahren sind sieben vorher unbekannte Drucke mit Werken Lassos aufgetaucht, darin findet sich aber kein einziges bisher unbekanntes Stück. Selbstverständlich gibt es unsichere oder auch falsche Zuschreibungen an Lasso. So enthält das 1597 entstandene Chorbuch Mus.ms. 89 der Bayerischen Staatsbibliothek aus dem Kapuzinerkonvent Neumarkt in der Oberpfalz einige kurze Sätze unter Lassos Namen. Zwei davon finden sich bereits in einer Handschrift aus der Zeit zwischen 1515 und 1530. Lasso müsste sie also vor seiner Geburt komponiert haben. Und vor einigen Jahren gelang der Nachweis, dass ein angeblich von Lasso stammendes, nur in einer Handschrift der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg aus dem Jahr 1625 überliefertes zweistimmiges Salve regina nichts anderes ist als die Reduktion eines fünfstimmigen Salve regina von Christophorus Clavius, einem Jesuiten, der einige wenige Stücke komponiert hat, eigentlich war er Mathematiker und Astronom. Oft lassen sich Fehlzuschreibungen über die Quellenlage klären, manchmal hilft aber auch der stilistische Befund weiter.

Welches ist Ihre persönliche Lieblingsaufnahme eines Werkes von Orlando di Lasso?

Auch das ist keine einfache Frage, denn nur eine Lieblingsaufnahme gibt es nicht. Sehr gerne habe ich die bei Hyperion erschienene CD Lassus. Missa super dixit Joseph & motets, aufgenommen vom Ensemble Cinquecento, das eine wunderbare Interpretation der Motette Timor et tremor enthält. Vorzüglich auch das Madrigal Veggio se al vero mit einigen extremen Klangwechseln, aufgenommen von der Gruppe für Alte Musik, erschienen bei Ars Musici. Und exzellent die CD der Singphoniker mit Parodie-Magnificat, also Magnificat, die der Komponist über ein präexistentes eigenes oder fremdes Werk geschaffen hat. Die Singphoniker stellen jeweils die Vorlage und Lassos Komposition gegenüber. Die schönste Aufnahme mit Madrigalen stammt aber wohl vom Orlando di Lasso Ensemble Hannover. Der Titel der CD lautet Orlando di Lasso: Trionfo dell’ Amore. ¶

Arno Lücker

... ist Konzertveranstalter, Moderator, Komponist und Pianist. Er gestaltet innovative Konzertformate, arbeitet als Musik-Satiriker, schreibt Stücke für Solist:innen und Ensembles und Texte für VAN, die Wiener Philharmoniker, die New York Philharmonics und die Bamberger Symphoniker. 2019 war er als Schauspieler an der Volksbühne zu erleben.