Man kann es nicht anders sagen: Witten ist ein Wanderpokal. Seit Harry Vogt sich in den Ruhestand verabschiedet hat, regiert hier das Comme çi, comme ça. Haben sich die Zeiten geändert? Ja, klar, die Kunst hat es in Zeiten des Krieges mal wieder schwerer denn je. Dass ausgerechnet die fragile Luftkunst Musik besondere Verteidiger und […]
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Wir haben ein Orchester gekauft
Am Abend des 18. Februar spielt das Deutsch-Romantische Orchester im Berliner Funkhaus an der Nalepastraße – ein klassisches Konzert wie so viele, wäre da nicht eine penibel geführte Gästeliste, ein Fünf-Gänge-Menü und ein eklatantes Missverhältnis zwischen dem Können der Instrumentalist:innen und dem ihrer Dirigentin, einer relativ unbekannten jungen Musikerin namens Marina Quasha. Kurz nach 19:00 […]
Weimarer Klassik
Es sei ihm, hat er einmal gesagt, nie gelungen, sich prominent zu finden. Er war es aber doch, seine Prominenz war eine eigener Art; Peter Gülke war kein Pultstar, alles Pfauenhafte, eine Jet-Set-Existenz musikalischer All-Präsenz lag ihm fern. Wenn, im Deutschen jedenfalls, ein Dirigent als guter »Kapellmeister« gelobt wird, dann schwingt dabei immer auch der […]
»Ich habe immer das Gefühl, nicht genug getan zu haben.«
Im Januar 2026 wurde dem Gitarristen Sean Shibe klar, dass er es übertrieben hatte. Im Februar dann ein Warnschuss seines Körpers – ein Fehlalarm zwar, doch Anlass genug, sich eine Auszeit zu nehmen und seine Gewohnheiten zu überdenken. Seit fast einem Jahrzehnt ist Shibe der Inbegriff des getriebenen Künstlers: Seit 2017 hat er neun Alben […]
Was kommt, was bleibt, was fehlt?
Eine Kritikersternfahrt zu Mittwoch aus Licht von Karlheinz Stockhausen und ein Opernskandal mit Ansage, wenn Milo Rau den Fliegenden Holländer von Richard Wagner als Drama des deutschen Volks deuten wird, das nach dem Holocaust Erlösung ausgerechnet bei den Opfern sucht, diese beiden ganz offensichtlich auf Öffentlichkeitswirkung kalkulierten Premieren ragen heraus aus der ersten Spielzeit von […]
»Warum hören die Leute uns nicht reden, wenn wir Lieder singen? Warum gibt es da immer noch diese Barriere?«
Das Kunstlied spielte von Anfang an eine Schlüsselrolle in der Karriere der Sopranistin Annette Dasch: »Der erste Wettbewerb, an dem ich teilgenommen habe, war der Robert-Schumann-Wettbewerb«, erzählt sie im Zoomcall. »Zusammen mit meiner Schwester habe ich zur Vorbereitung anderthalb Jahre lang alle Schumannlieder intensiv durchgeknetet.« Seitdem ist Dasch auf internationalen Opernbühnen und im Konzertwesen unterwegs, […]
Teuflischer Tritonus, engelsgleiche Gebärde
»Als wären aus den Spitälern (…) alle Kranken in einem Graben beisammen, ein solcher Jammer war da, und ein solcher Gestank war da wie von verfaulenden Gliedern«, heißt es (übersetzt von Kurt Flasch) im 29. Gesang des Inferno, wo Dante im zehnten Höllenkreis die Geister von Fälschern »in seltsamen Bündeln dahinsiechen« lässt. Unbehagliches Terrain, allerdings […]
Zertrümmert liegt, was je sie getrennt
Zwei Monate vor der Premiere einer neuen Walküre an der Bayerischen Staatsoper läuft in Berlin ein erster Aufzug mit teilweise gleicher Besetzung. Trotz der Schnittmenge ist das mehr als ein partieller Testdurchgang: erstens, weil musikalisch lohnend konzertant, zweitens, weil dramaturgisch lohnend kombiniert mit – na hoppla – Brahms. Das ist verblüffend, ja irritierend, in seinem […]
»Ich kann nicht sagen: ›Ja, das Stück hat schon mein Opa im Radio gehört.‹«
In einer Airbnb-Wohnung irgendwo in Zürich hat ein gutgelaunter 38-jähriger sein Smartphone fürs Zoomtreffen auf den Tisch gestellt, ein breitschultriger, bärtiger Typ im weißen T-Shirt, mit kurzen schwarzen Haaren und großem Lächeln. Es ist Pene Pati, Titelheld in der neuen Zürcher Produktion von Mozarts später Oper ›La clemenza di Tito‹. Vor einem knappen Jahrzehnt erst […]
Ein gegenseitiges Umarmen
Als die Staatskapelle Dresden im Oktober 2000 beim Beethovenfest in Bonn gastiert, zeigt das Akademische Kunstmuseum parallel eine Sonderausstellung ihres Chefdirigenten: ›Meisterwerke griechischer Keramik aus der Sammlung Giuseppe Sinopoli‹. Wer ein Porträt über Giuseppe Sinopoli schreiben möchte, steckt unwillkürlich in der Bredouille: Wie findet man einen Weg durch dessen labyrinthische Interessen und Begabungen? 1946 in Venedig […]
