Am 16. März 2022 werfen russische Kampfflugzeuge zwei Bomben auf das Theater von Mariupol. Im Gebäude suchen zu dem Zeitpunkt Hunderte Zivilisten Schutz, vielleicht sind es auch über Tausend, darunter viele Kinder und ältere Menschen. Im Zuge der mehrwöchigen Belagerung und andauernder Luftangriffe gilt das Gebäude als letzter sicherer Ort der Stadt. Auf den Asphalt vor dem Theater hat man in großen weißen Buchstaben das Wort ›Deti‹ gemalt– russisch für ›Kinder‹. Wie viele Menschen bei dem Bombardement ums Leben kommen, lässt sich bis heute nicht genau rekonstruieren. Ukrainische Stellen sprechen anfangs von 300, Recherchen der Nachrichtenagentur AP später von bis zu 600 Toten. Amnesty Internationalund die OSZEverurteilen den Angriff auf das Theater als Kriegsverbrechen; Russland behauptet, ukrainische Asow-Truppen hätten das Gebäude von innen gesprengt. Der Wiederaufbau des Theaters unter russischer Besatzung wird zum Propagandaprojekt: Bei der live im Fernsehen übertragenen Eröffnungsgala des Theaters am 29. Dezember 2025 schwärmen russische Staatsmedien vom Interieur, der renovierten Marmortreppe, den neuen Kristalllüstern, dem Stuck. Als erste Inszenierung auf dem Massengrab läuft der russische Märchenklassiker ›Alenki zwetotschek‹, ›Die feuerrote Blume‹, eine Variante von ›Die Schöne und das Biest‹. Der Schauspieler Wladimir Maschkow, Putin-Unterstützer und Kriegsbefürworter der ersten Stunde, sagt in seiner Eröffnungsrede: »Unser Präsident Wladimir Putin hat einmal sehr richtig gesagt: Man kann Menschen töten, aber nicht die Kultur, die sie tragen. Vor allem nicht die Kultur einer ganzen Nation, vor allem nicht einer so großen wie der russischen.«
Die systematische Zerstörung ukrainischer Kulturdenkmäler, der Versuch, die ukrainische kulturelle Identität mit der russischen zu überschreiben, die Täter-Opfer-Umkehr, nach der sich die russische Kultur im Überlebenskampf gegen den Westen befindet: Das Schicksal des Mariupoler Theaters steht stellvertretend dafür, dass Russlands Krieg gegen die Ukraine auch ein kultureller Vernichtungsfeldzug ist. Im Westen wurde der Überlebenskampf der Ukraine gegen die kulturelle Annexion nach dem Beginn der russischen Invasion mit Solidaritätskonzerten unterstützt und dem Bemühen, verstärkt ukrainische Komponistinnen und Komponisten sichtbar zu machen. Mittlerweile ist davon nur noch wenig übrig geblieben. »Es bleibt das schale Gefühl«, schrieb Merle Krafeld im März in VAN, »dass es bei den Konzerten mit Ljatoschynskyj, Silvestrov oder Kosenko vor allem ums Symbolische ging und weniger um echtes musikalisches Interesse.«
Wie denkt Oksana Lyniv darüber? Als bekannteste klassische Musikerin der Ukraine setzt sich die Dirigentin seit Beginn ihrer Karriere unermüdlich für die Musikkultur ihres Heimatlandes ein. 2016 war sie Mitbegründerin des Festivals LvivMozArt, im selben Jahr wurde auf ihre Initiative hin das Youth Symphony Orchestra of Ukraine(YsOU) ins Leben gerufen. Bis heute ist Lyniv Chefdirigentin des YsOU, außerdem verbindet sie als Erste Gastdirigentin eine enge Partnerschaft mit dem Kyiv Symphony Orchestra und sie ist Mitinitiatorin des Kooperationsprojekts ›Music for the Future‹, eines Evakuierungs-Musikcamps für junge ukrainische Musiker in Ljubljana. Ich erreiche sie während der Proben für eine Wiederaufnahme von Franco Zeffirellis ›Turandot‹ an der New Yorker Metropolitan Opera.
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