Zur selben Zeit, da in Wien der European Song Contest stattfand, wurde auch an der Komischen Oper Berlin eine Party mit eisernem Willen zur Ausgelassenheit gefeiert, rhythmisch und satztechnisch weitaus amorpher, doch ähnlich queer. Die genderfluide Figur schlechthin, Virginia Woolfs Orlando, hat auf der Opernbühne neuerdings ein Kind, das hier ausgiebig die nichtbinäre Freiheit preist. Kevin(a) Taylor performt diese/n Orlando jr., und wer, der nicht bösen Willens ist, wollte einer solchen Party des Selbstseins widersprechen? Ein musiktheatralisches Fragezeichen aber kann man setzen. Die Predigtparty des Kindes ist ein zentrales Kapitel der zweiten Hälfte der Oper Orlando, in der die österreichische Komponistin Olga Neuwirth und ihre Mitlibrettistin Catherine Filloux den berühmten Woolf-Roman über dessen Erscheinungsjahr 1928 bis in unsere Gegenwart erweitern. Diese Fortschreibung wird zum Schluss hin immer reicher an Appellen, gegen Krieg und Intoleranz, Nationalismus, enthemmten Kapitalismus, für Selbstbestimmung und Diversität. Bekenntnis rückt in diesem zweiten Teil des Abends an die Stelle von Erkenntnis.
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