Zur selben Zeit, da in Wien der European Song Contest stattfand, wurde auch an der Komischen Oper Berlin eine Party mit eisernem Willen zur Ausgelassenheit gefeiert, rhythmisch und satztechnisch weitaus amorpher, doch ähnlich queer. Die genderfluide Figur schlechthin, Virginia Woolfs Orlando, hat auf der Opernbühne neuerdings ein Kind, das hier ausgiebig die nichtbinäre Freiheit preist. Kevin(a) Taylor performt diese/n Orlando jr., und wer, der nicht bösen Willens ist, wollte einer solchen Party des Selbstseins widersprechen? Ein musiktheatralisches Fragezeichen aber kann man setzen. Die Predigtparty des Kindes ist ein zentrales Kapitel der zweiten Hälfte der Oper Orlando, in der die österreichische Komponistin Olga Neuwirth und ihre Mitlibrettistin Catherine Filloux den berühmten Woolf-Roman über dessen Erscheinungsjahr 1928 bis in unsere Gegenwart erweitern. Diese Fortschreibung wird zum Schluss hin immer reicher an Appellen, gegen Krieg und Intoleranz, Nationalismus, enthemmten Kapitalismus, für Selbstbestimmung und Diversität. Bekenntnis rückt in diesem zweiten Teil des Abends an die Stelle von Erkenntnis.

Erkenntnis aber gab es in der ersten Hälfte, die dicht – wenn auch zwangsläufig sehr gerafft – dem Roman folgt. Und diese Erkenntnis wird da auch musikalisch plausibel. Während im zweiten Teil etwa typische O-Töne von Winston Churchill eingespielt werden, wie sie in jeder x-beliebigen TV-Doku verwendet würden, gehört zu den eindrucksvollsten Figuren des ersten Teils die alternde Königin Elisabeth I. Sie ist aber eben nicht nur historisches Dekor vorhanden, sondern steht in einer inhaltlichen Beziehung zu der fiktionalen Biografie von Orlando, der sich im Lauf seines jahrhundertelangen Lebens von einem Mann in eine Frau verwandelt. Wenn die Oper Elisabeth, Tochter des notorischen Frauenmörders Heinrichs des VIII. und resolute erste englische Königin, zitiert, sie habe »den Körper einer schwachen Frau, aber das Herz und den Magen eines Königs von England«, dann klingt Ernst Kantorowiczs Modell von The King’s Two Bodies an, aber in genderproduktiver Wendung. Zugleich ist diese Elisabeth aber auch eine Figur von echtem Bühnenleben, unangenehm nach körperlichem Verfall riechend, wie bemerkt wird, und doch den jungen Orlando begehrend. Und sie ist geplagt vom ewigen Frieren des Älterwerdens. Das verschränkt die Erzählung nicht nur mit dem nächsten Kapitel, in dem die Themse zufrieren wird, sondern lässt in Neuwirths ausufernder Collagentechnik auch andeutungsweise Purcell in den Raum schneien, genauer gesagt eine Erinnerung an die Frost-Arie in der schrägen Interpretation des Pop-Countertenors Klaus Nomi (über den Neuwirth auch schon ein Songplay schrieb, das übrigens einmal von Ulrike Ottinger auf die Bühne gebracht wurde, der Regisseurin der vielleicht seltsamsten Woolf-Verfilmung Freak Orlando).


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… lebt in Berlin, liebt Musik, schreibt Romane: u.a. ›Beethovn‹ (2020). Zuletzt erschien ›Silence‹. ✉️ KonzertgaengerBerlin@gmail.com