In der Computerzentrale unter der Bühne im Staatstheater Stuttgart riecht es wie in der Wohnung in Zagreb, in der Sara Glojnarić aufgewachsen ist. Ihr Vater arbeitete im IT-Bereich. »Zu Hause waren immer zwanzig Computer am Laufen«, erzählt sie. »Er hat getüftelt und irgendwelche Sachen eingebaut.« Auf einem dieser Computer baute Glojnarić mit der frühen Digital Audio Workstation (DAW) Magix Music Maker ihre ersten Songs.
Seitdem prägen eine Faszination für alte Technologie, die unverwechselbaren Klänge von Mikrogenres wie Acid Jazz und die Art, wie Sinneseindrücke Erinnerungen bewahren, Glojnarićs Musik. Nun hat sie ihre fünfte und längste Oper geschrieben. Station Paradiso, eine »postmigrantische Oper«, basiert auf einem Libretto von Tanja Šljivar; die Regie führt Anika Rutkofsky, die musikalische Leitung liegt bei Peter Rundel. Das gut zwei Stunden dauernde Stück wird am 10. Mai an der Staatsoper Stuttgart uraufgeführt.

Glojnarić nennt das Werk »eine Mixtape-Oper über die Sehnsucht nach Zuhause«. In der Oper begibt sich eine Gruppe von Menschen aus Süditalien, Ex-Jugoslawien und der Türkei auf eine Art Traumreise: eine musikalisch begleitete Busfahrt in die eigenen Migrationsgeschichten. In den letzten Jahren wurde Migration nach Deutschland in Literatur, bildender Kunst und im Theater intensiv thematisiert, aber noch sehr wenig auf der Opernbühne. »Wir haben alles von Anfang an alleine entwickelt«, erzählt mir Glojnarić während einer Probepause bei Kaffee und Zigaretten. »Es gibt keinen Blueprint für eine postmigrantische Oper.«
Wir beginnen mit ihrer eigenen Migrationsgeschichte. Glojnarić stammt aus einer musikalischen Familie. Ihr Großvater Silvije Glojnarić spielte als Schlagzeuger im bekannten Zagreb Jazz Quartet. Ihr Vater ist »passionierter Hobbymusiker«, ihre Mutter veranstaltet ein Festival für klassische Musik. Die kleine Sara fängt etwa zeitgleich an, mit Magix Music Maker zu experimentieren und am Konservatorium Klavierunterricht zu nehmen. Dort bemerkt ihr Klavierlehrer ihr Interesse am Komponieren und hilft ihr mit der Notation ihrer ersten Werke, die sie mit etwa zwölf Jahren schreibt.
Nach dem Konservatorium studiert Glojnarić Klavier und Komposition an der Musikakademie in Zagreb, 2014 geht sie nach Stuttgart. »In Kroatien ist das Studium sehr, sehr gut, aber auch sehr klassisch und traditionell aufgebaut, weshalb auch meine Musik traditionell und etwas konventionell war«, erinnert sie sich. »Das war der Grund, warum ich überhaupt nach Deutschland gekommen bin«.
Sie kommt in einer Stadt mit einer ausgeprägten Einwanderungsgeschichte an. In Stuttgart liegt der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund aktuell bei 49 Prozent, bei Jugendlichen sogar bei 65 Prozent. Als sie zu Fuß vom Stuttgarter Hauptbahnhof zur Musikhochschule geht, empfindet sie ein starkes Heimatgefühl. »Ich habe Kroatisch, Serbisch und Bosnisch gehört und dachte: Hier ist es wie in Wien, hier kommt man ganz gut über die Runden, ohne die Sprache zu sprechen«, erzählt sie mir.
Der Sprung ins Neuland kommt erst an der Musikhochschule. Dort begegnet sie einer ästhetisch völlig anderen Welt. Die Großen heißen Lachenmann, Spahlinger, Nicolaus A. Huber und Adorno. »Das war ein Schock, aber auch ein herzlich willkommener Schock, den ich gebraucht habe, um zu checken, was ich als Künstlerin will, wer ich bin und was mich interessiert«, sagt sie. Neben Deutsch muss sie auch den deutschen Neue-Musik-Sprech lernen. (Eine verschachtelte Sprache, die auch einigen Deutsch-Erstsprachler:innen Schwierigkeiten bereiten dürfte.) Heute beherrscht sie sie – soweit ich das als jemand, der Deutsch als Fremdsprache gelernt hat, beurteilen kann – perfekt.

Wichtige Inspirationsquellen in ihrer Studienzeit sind für Glojnarić außerdem Komponist:innen wie Simon Steen-Andersen und Jennifer Walshe. In ihren Werken verschwimmen die Grenzen zwischen Komposition, Performance und Konzeptkunst. Sie zeigen der Studentin, dass Musik auch eine Haltung zur Wirklichkeit ausdrücken kann. »Man kann die Musik politisch denken, obwohl sie vielleicht gar keine politische Wirkung hat«, sagt Glojnarić. »Aber man kann sie von einer anderen Seite denken. Das war der Schlüssel für mich, um die eigene Position zu verstehen«.
Inspiriert vom Buch Über Pop-Musik von Diedrich Diederichsen beschäftigt sie sich in ihrem Stück Sugar Coating für Ensemble (2017) mit ästhetischen Phänomenen der Popmusik, die sie schon als Kind in der Zagreber Wohnung fasziniert haben. Daten, die an der Columbia University in New York gesammelt wurden, zeigen, dass Popmusik im Lauf der Jahrzehnte immer komprimierter und lauter wird, während gleichzeitig harmonische und melodische Wiederholungen zunehmen. (Wenn Papa oder Opa sagen, dass die Musik heutzutage ›nur noch Schrott‹ sei, meinen sie vermutlich diese Entwicklungen.) In Sugar Coating entfernt Glojnarić die metaphorisch schöne Haut dieser Phänomene – die eingängigen Melodien, Rhythmen und Stars – um die akustischen Phänomene an sich zu erkunden.
Das Stück ist fast durchgehend laut. Die Klänge sind häufig überstrapaziert. Rhythmische Muster wiederholen sich bis an die Grenze der Erschöpfung und verschwinden dann für immer. Es ist eine Art Körperwelten-Ausstellung für Popmusik. Mit diesem Ansatz erzeugt Sugar Coating wie Körperwelten eine Mischung aus Faszination und Ekel. Glojnarić versteht das Stück als ihr Opus 1.
Obwohl man die Musik vielleicht als Kritik an Popmusik hören könnte, will Glojnarić – wie wahrscheinlich die meisten jungen Komponist:innen – keine Trennung zwischen U- und E-Musik. Sie lehnt die Adornosche Ablehnung des Populären ab. Zur Popmusik meint sie: »Es ist schwierig, als ›wir‹ zu sprechen, aber für all die Leute, die ich kenne und mit denen ich vertraut bin, die in diesem Bereich arbeiten, hat sie eine große Rolle gespielt«, erzählt sie. »Weil wir eben in dieser Welt aufgewachsen sind. Das jetzt komplett zu ignorieren oder es gar nicht zum Teil der kompositorischen Arbeit zu machen, ist für mich wirklich weird.« Es wäre, als würde man behaupten, man atme eine andere Luft als seine Mitmenschen.
Glojnarić lebt von 2014 bis 2023 in Stuttgart. Dann zieht sie nach Leipzig; aktuell sucht sie eine Wohnung in Berlin. Sie kennt Stuttgart jedoch gut genug, um eine Oper zu schreiben, die sich mit den Lebenswirklichkeiten in dieser Stadt auseinandersetzt. Station Paradiso könnte man als Liebesbrief lesen an jenes Stuttgart, das Migrant:innen für sich geschaffen haben.
Als Glojnarić anfängt, für die Oper zu recherchieren, stößt sie in einer Ausstellung im Stadtpalais Stuttgart auf eine Kassette mit einem neapolitanischen Lied. Kassetten waren ein wichtiges Medium, um »eine Art analoge Sprachnachricht zu verschicken, weil Telefonieren viel zu teuer war«, erzählt Glojnarić. Auf Kassetten, die leicht zu tragen und billig zu produzieren waren, brachten Gastarbeiter:innen oft auch ihre Lieblingslieder aus der Heimat mit. So entstand die Idee einer Mixtape-Oper.
Für das Libretto arbeitete Glojnarić beinahe journalistisch: Sie führte Interviews mit 28 Menschen mit Migrationshintergrund in Stuttgart, auf Deutsch, Serbisch und Kroatisch. Über Migration als gemeinsamen Ausgangspunkt kamen die Gespräche unweigerlich auf weitere Themen: Heimat, Familie, politische Veränderungen, Trauer, Verlust. Glojnarić sammelte Musikstücke von Kassetten und Schallplatten, mit denen häufig Intimes verwoben ist. Ein türkischer Vater, dessen Geschichte in der Oper vorkommt, liebte den großen Sänger Orhan Gencebay. Als sich Gencebay dem autoritären türkischen Präsidenten Erdoğan annäherte, fand der Vater es »so schlimm, dass er aufgehört hat, Gencebay zu spielen«, sagt Glojnarić. »Das war sein politischer Protest.« Inzwischen leidet er an Alzheimer, und seine Tochter glaubt, dieser »abrupte Abbruch mit dieser Musik und auch mit seiner Vergangenheit« habe den Lauf der Krankheit verschlimmert.

»Die Interviews waren alle unfassbar rührend«, sagt Glojnarić. »Ich habe 28 Mal geheult, genau wie meine Interviewpartner:innen.«
Als Nächstes musste Glojnarić dieses »Archiv« für die Oper ausarbeiten. Sie wollte eine Librettistin, »die diesen Spagat versteht: was es bedeutet, auszuwandern oder ein neues Leben woanders aufzubauen«. Ihre Wahl fiel auf die bosnische Autorin Tanja Šljivar, die zwischen Belgrad und Wien lebt und aus den Gesprächen ein Libretto entwarf. Glojnarić musste sich aber auch entscheiden, in welcher ästhetischen Welt die Handlung stattfinden sollte. Würden die gesammelten Songs die ästhetische Welt der Oper bestimmen oder umgekehrt? »Wie stark werde ich diese Songs in das Stück einbauen?«, fragte Glojnarić sich. »Werden sie nur zitiert oder werden sie die DNA des ganzen Stücks?« Anstatt das Material in das Raster einer atonalen Oper zu pressen, entschied sie sich – trotz anfänglicher Zweifel – dafür, dass die Songs, die die Gastarbeiter:innen durch ihr Leben begleitet haben, die Form und Ästhetik der Oper bestimmen. Station Paradiso hat »eine Song-Logik, Melodie, eine ganz klare harmonische Form«, sagt Glojnarić. »Genau das war die Entscheidung, die ich ganz am Anfang treffen musste.«
»Ich merke«, fügt sie hinzu, »dass es vielleicht die ehrlichste Musik ist, die ich je geschrieben habe«.
Station Paradiso greift auf, was in der Welt der klassischen Musik in der Luft liegt: Der Wunsch, Geschichten, die historisch aus nur einer Perspektive erzählt wurden, von der anderen Seite zu sehen. Wie würde zum Beispiel Entführung aus dem Serail aussehen, wenn Bassa Selim die Hauptrolle spielt? Ähnlich verhält es sich mit der deutschen Migrationsdebatte, zu der diese Oper einen Gegenpol bildet. »Es gibt sehr wenige Möglichkeiten, dass die Diaspora die Geschichte erzählt«, sagt Glojnarić. »Es wird sehr oft aus einer deutschen Perspektive über das migrantische Leben in diesem Land erzählt. Aber es ist auch wichtig, die andere Perspektive aufzuzeigen – und dass dieses Leben nicht nur tragisch und traurig ist.«
Auch deswegen findet die Oper ein glückliches Ende. Ich will nicht spoilern, nur soviel: Zum Schluss passiert etwas, was viele Menschen als angenehm empfinden und andere, deren Familien seit Generationen in Deutschland leben, möglicherweise weniger, und was neben dem Hören auch das Riechen anspricht. Diese zwei Sinne sind es, die den direktesten Draht zur Erinnerung haben – auch zu Glojnarićs Wohnung in Zagreb, wo ihre Geschichte begann.
Ob das funktioniert, ist offen. So ist es aber bei jeder Reise ins Ausland, ob sie zwei Wochen oder ein ganzes Leben dauert. So ist es auch bei jedem neuen Kunstwerk. »Ich sage immer, dass Komponieren auch Spekulieren ist«, sagt Glojnarić. Aber: »Es ist ein Teil unseres Jobs, das auszuhalten.« ¶
Nachtrag, 8. Mai 2026: Eine frühere Fassung dieses Artikels hat Station Paradiso als Glojnarićs erste Oper beschrieben. Sie ist richtigerweise die fünfte. Der Artikel wurde entsprechend geändert.
