Diesen Freitag werde ich mich mit Stephan Mösch unterhalten, beim Wagner-Kosmos, den Dortmunds Opernintendant Heribert Germeshausen jedes Jahr um des Meisters Geburtstag herum als eine Art Familientreffen mit Vorträgen, Diskussionen und abends Aufführungen organisiert. Mösch ist Professor für Geschichte, Ästhetik und künstlerische Praxis des Musiktheaters in Karlsruhe, aber auch Kritiker, für FAZ und Opernwelt, und er ist ein gebürtiger Bayreuther Junge. Vor Jahren hat er seine Habilschrift über die frühe Rezeptionsgeschichte des Parsifal vorgelegt, der ja nach der reinen Lehre immer nur auf dem Grünen Hügel gespielt werden sollte, Bühnenweihfestspiel eben, Sonderfall. Das Buch war eine Tat. Und jetzt folgt also Bayreuth als Theater, Untertitel Auf dem Weg zu einer Festspielgeschichte. Das ist gleich zweimal untertrieben. Denn erstens geht es auch, aber am wenigsten um das allfällige Theater, das die Festspiele so virtuos um sich machen und das wir-die-Medien, so oder so, gern mitmachen, weil wir ja nicht wie die Briten die Windsors, sondern dynastisch bloß unsere Wagners haben. Um den Bayreuther Hügelzirkus geht es im dicken Buch fast nicht, dafür sehr ernsthaft um Kunst, die Bedingungen ihrer Ermöglichung oder Verhinderung, um Experiment und Institution, um Wagners Traum und die Wirklichkeit von Theater, deren Erfahrung ihn nach den ersten Festspielen 1876 so niederwarf, dass er sterben wollte.

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Eigentlich, so Mösch, sollte es ein Buch über »Neubayreuth« werden, über den sogenannten Neuanfang 1951, eben da, wo wenige Jahre zuvor noch der Führer aus dem Fenster gewunken hatte, von den Wagners familiär aufgenommen, nun geleitet von jenen ungleichen Enkeln, die Hitler, alias Onkel Wolf, einst auf dem Schoß gesessen hatten. Doch die Geschichte dieses künstlerisch wie kommunikativ einzigartigen Coups ließ sich, fand der Autor, nicht ohne seine Vor- und Nachgeschichten erzählen, das leuchtet ein. Das zweite Understatement ist die Untertitel-Behauptung, diese kapitalen siebenhundert Seiten seien ja quasi nur Vorstudien, ›auf dem Weg zu …‹ – Ja, wohin denn noch, möchte man rufen; er ist doch schon so weit, denn dieses dichte, dicke, facetten- und erkenntnisreiche Bayreuthbuch ist schon wieder eine Tat.

Statt einer einsinnigen, chronologisch durchsortierten, Widersprüche und Nebulöses wegerzählenden »Geschichte« der Festspiele stellt Mösch den Fokus seiner immer auf Differenzierung, nicht auf Zuspitzung gerichteten Untersuchung in 25 Kapiteln neu ein. Dem Hang zur verlockend steilen These, zum Durchdrehen, wenn es um Wagner geht, setzt er mikroskopische Genauigkeit im Detail entgegen, ein Einspruch gegen das fixe Wagner-Bescheidwissertum und Denken in Gegensatzpaaren. Wieland, als Regisseur und Festspielleiter der Protagonist eines neuen Bayreuth, verdient hier »weder einen Heiligenschein noch den braunen Daueranstrich. Er interessiert als Kippfigur«. Spannend ist die Analyse der »komplexen Komplizenschaft« von Wieland mit dem dirigentischen Übervater Hans Knappertsbusch und warum die Zeit dann doch einmal reif war, den jungen Pierre Boulez zum Parsifal-Dirigieren einzuladen. Möschs Angriffspunkte sind die Klischees, sei es die Kritik am Bayreuth bark, dem ungesanglichen deklamierenden Konsonantengebell vor allem in der Ära der Witwe Cosima, sei es das Schlagwort von der »Entrümpelung« und dem Neuanfang nach dem Krieg, sei es der aktuell strapazierte Gedanke der »Öffnung«. So einfach ist das alles nicht. Auch die »bleierne Zeit« der Ära des jüngeren Wieland-Bruders Wolfgang wird anders als üblich beleuchtet: Er war ja nicht nur ein schwacher Regisseur, sondern auch der Ermöglicher eines modernen Pluralismus am Hügel, bis zum Engagement von Christoph Schlingensief, der 2004 ff. das Wagnertheater neu erfand, nicht willkommen, aber gewollt.

Am Ende, nach einer tour d’horizon bis durch die Gegenwart des Wagnertheaters, von Augmented Reality bis Tobias Kratzer, steht ernsthafte Ratlosigkeit. Wie weiter mit Wagner? Da will sich auch der klügste Bayreuther Junge seriöserweise nicht festlegen. ¶

…ist Musikjournalist und war bis 2023 Professor für Musik und Medien an der TU Dortmund, wo er den Studiengang Musikjournalismus leitete. Er ist im WDR und Deutschlandfunk zu hören und schreibt u. a. für Opernwelt und die FAZ. 2020 erschien sein Buch ›World Wide Wunderkammer. Ästhetische Erfahrung in der digitalen Revolution.‹