Vor 50 Jahren dirigierte Romely Pfund in Sankt Petersburg ihr erstes öffentliches Orchesterkonzert, mit Brahms’ Zweiter, Dvořáks Violinkonzert und einem Stück von Manfred Weiss – »in Leningrad, so hieß das ja damals«, erzählt sie. »Dort stand ein junger Mann, hoch aufgeschossen, hinten bei den Bläsern und half ihnen beim Einstimmen. Das war Valery Gergiev.«Damals steckte […]
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Dem Vergessen entreißen
Bald 6.000 Einträge zählt das Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit (LexM) inzwischen – zu Personen, die zwischen 1933 und 1945 vom Nazi-Regime verfolgt wurden und unterschiedliche Schicksale erlebten, von der geglückten Flucht bis zur Ermordung im KZ. Im LexM fand ich ebenso verlässliche wie weiterführende Informationen zu zahlreichen Protagonistinnen meines Buches zur Geschichte […]
»Es gab Zeiten, in denen ich mich fragte: Wer weiß, ob es überhaupt was wird mit einer Karriere.«
Jeder Konzertgänger kennt Stücke, die er nicht mehr hören kann. Man lehnt sich zurück, begibt sich vielleicht in Morpheus‘ Arme – ihr weckt mich, wenn es vorbei ist –, und dann, selten, passiert es: Bei den ersten Tönen des platt gehörten Werks schreckt man aus dem Dämmerzustand hoch – Ach so?Kein Geigern löst bei mir […]
Über sieben Flügel musst du gehn
Vorspiele und Konzerte der Musikhochschulen sind nicht nur Fixtermine für Klassikfreunde mit schmalem Geldbeutel, sondern auch Experimentierfelder für junge Musizierende, seltenes Repertoire, ungewöhnliche Formate. Eine bewährte Institution in diesem Sinn ist das frühsommerliche Festival Crescendo der Berliner Universität der Künste, das in diesem Jahr unter dem Motto GegenTöne steht. Ein wohlgewählter Titel, nicht nur ästhetisch, […]
Das »Bum« der Musikgeschichte
Das »Bum« von Pauke und Pizzicato der Kontrabässe zum verminderten Septakkord in der Ouvertüre und der Wolfsschluchtszene des Freischütz konnte dem ehemaligen Dresdner Generalmusikdirektor Siegfried Kurz nicht kräftig genug sein. Damit der Schauer sich auch wirklich herstellte, wurden sowohl die Musiker:innen der Dresdner Staatskapelle als auch die damals im Hauptfach Orchesterdirigieren Studierenden der Hochschule für […]
Es ist nicht mehr sein Problem: »Macht eure Scheiße alleine«
Die Wiener Festwochen, die sich mit Milo Rau als Freie Republik ausgerufen haben, feiern 75 Jahre, sie haben Patti Smith eingeladen mit einer Carte Blanche. Sie durfte machen, was immer ihr einfiele; es fiel ihr dann aber nur ein Konzert ein, was aber für die Patti-Fans auch seine Ordnung hatte. Überall in der Stadt beziehungsweise […]
»Ich erstelle bis heute Playlists für alle meine Freunde, die sie nie anhören.«
Von Thomas Strässle habe ich erfahren, dass Pubertät auch die Zeit der Verheimlichung ist. Während der Unsagbares, Unsägliches passiert oder zumindest gefühlt wird und das Peinliche mit dem Coolen die ideellen Kessler-Zwillinge bildet. Ich verstehe jetzt auch, warum sich Klischees von der ›noblen Querflöte‹ und dem ›lasziven Saxophon‹ lange und hartnäckig gehalten haben. Ich erinnere […]
Zuverlässig unbehaglich
Eine der Luxuriositäten des hiesigen Musiklebens, die dereinst vielleicht »von einst« sein werden: an zwei aufeinanderfolgenden Abenden zwei große Mahlersinfonien zu hören, in zwei benachbarten Häusern, gespielt von zwei erstrangigen Orchestern und geleitet von zwei Stardirigenten beiderlei Geschlechts. Es soll Lästerzungen geben, denen die höchst erfolgreichen Yannick Nézet-Séguin und Joana Mallwitz als Schaudirigenten gelten, dies […]
Menschenjagd im Schunkeltakt
Als an vier Tagen im August 1992 in Rostock Lichtenhagen vor allem Rom:nja und Vietnames:innen bei Pogromen von einem rechten Mob angegriffen wurden, schritten Ordnungskräfte höchstens halbherzig ein, die Zivilbevölkerung jubelte zu Tausenden über die Gewalt, es gab Bratwurst und Bier, die Feuerwehr wurde von Passanten am Löschen gehindert. Und der politische Diskurs entdeckte ein […]
Aus einer anderen, heilen Welt, unerreichbar weit entfernt
Man muss sich etwas hüten, wenn man übers Posthorn-Solo im Scherzo von Mahlers 3. Symphonie schreibt. Man will ja nicht unter Kitschverdacht geraten, und dieser Episode haftete lange Zeit – und vielleicht immer noch – etwas anrüchig Idyllisches an. Aber, getreu des Journalisten-Mottos »Sagen, was ist«, muss man es dann doch gleich zu Beginn einmal […]
