Jeder Konzertgänger kennt Stücke, die er nicht mehr hören kann. Man lehnt sich zurück, begibt sich vielleicht in Morpheus‘ Arme – ihr weckt mich, wenn es vorbei ist –, und dann, selten, passiert es: Bei den ersten Tönen des platt gehörten Werks schreckt man aus dem Dämmerzustand hoch – Ach so?

Kein Geigern löst bei mir dieses »Aha«-Erlebnis zuverlässiger aus als Augustin Hadelich. Das liegt auch daran, dass seine Haltung, jedem Detail unbegrenzte Liebe zu schenken, unmittelbar die Ohren öffnet. Man hört Dinge, die man nicht nur ›so‹ noch nie gehört hat, sondern überhaupt noch nie – und das vom ersten bis letzten Ton. Keine Phrase wird verschluckt, überspielt oder verschludert. Alles ist fein ausgeleuchtet, nicht pedantisch, sondern voller innerer Spannung und gesanglicher Natürlichkeit. »In dieser Woche spielt Augustin Hadelich bei uns und ich muss sagen, sein Tschaikowsky-Violinkonzert ist von einer Qualität, wie ich es noch nie gehört habe – und ich habe es schon oft gehört«, schrieb mir vor einigen Monaten ein Musiker eines deutschen Orchesters. »Er spielt so unglaublich präzise und gleichzeitig mit einer musikalischen Intensität, die außerordentlich und zutiefst berührend ist.«

In den USA, wo Hadelich seit über 20 Jahren lebt (seit 2014 besitzt er auch die amerikanische Staatsbürgerschaft), debütierte Hadelich teils schon vor über fünfzehn Jahren bei den ›Big Five‹ (die tatsächlich nicht fünf, sondern eher 18 sind). Es gehört zu den Merkwürdigkeiten des Klassikmarkts, dass jemand, der so gut ist, in Europa erst in den letzten Jahren so richtig entdeckt wurde. Dafür ist er im Moment so etwas wie der Geiger der Stunde. Allein in den letzten Wochen war er bei den Münchner Philharmonikern, dem Tonhalle-Orchester Zürich, dem WDR Sinfonieorchester, dem Orchestra dell´Accademia Nazionale di Santa Cecilia, dem Concertgebouworkest und dem Finnish Radio Symphony Orchestra zu Gast. Im Sommer ist er »artiste étoile« beim Lucerne Festival; es folgen eine Tour mit den Berliner Philharmonikern und Konzerte bei den Salzburger Festspielen mit den Wiener Philharmonikern. In der kommenden Saison ist Hadelich Porträtkünstler des Wiener Konzerthaus und Residenzkünstler der Elbphilharmonie Hamburg, außerdem beginnt eine mehrjährige Partnerschaft mit dem Mahler Chamber Orchestra (mit Mozarts Violinkonzerten).

Ich treffe ihn an einem warmen Frühsommermorgen im Büro seiner Berliner Agentur. Am Abend zuvor hat er in der Philharmonie Sibelius gespielt.


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... ist Herausgeber von VAN. Er studierte Development Studies, Ethnologie und Asienwissenschaften in Berlin, Seoul, Edinburgh und London und arbeitete im Anschluss zehn Jahre als Berater in Projekten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. 2014 gründete er mit Ingmar Bornholz den VAN Verlag, wo er auch als Geschäftsführer fungiert. hartmut@van-verlag.com