Es gibt genug Gründe, Die vier Jahreszeiten zu hassen: Das letzte Mal habe ich den Frühling – ungewollt – auf meinem Heimweg im Busbahnhof Walthamstow im Osten Londons gehört. Seitdem man bei ›Transport for London‹ festgestellt hat, dass klassische Musik junge Menschen davon abzuhalten scheint, an Bahnhöfen abzuhängen (2006 war das), wird dort Vivaldi, Mozart und Beethoven gespielt – wie in vielen anderen Großstädten, die sich klassische Musik als ein Werkzeug der sozialen Säuberung zu eigen machen. Am Stuttgarter Bahnhof beispielsweise läuft klassische Musik, ebenso an einigen Berliner U-Bahnhöfen. (Schon im August 2018 haben wir in VAN den vergeblichen Versuch unternommen, herauszufinden, mit welchen klassischen Werke Bahnhöfen in Deutschland beschallt werden und warum.)
Auch in der Warteschleife der Hotline des britischen Ministeriums für Arbeit und Rente, das für die Zahlung von Altersversorgung und Arbeitslosengeld zuständig ist, war lange ein 30-Sekunden-Frühlings-Ausschnitt zu hören. In einer Fernsehdokumentation aus dem Jahr 2019 ist ein Anrufer zu sehen, der dabei weint. Als das Ministerium 2020 seine Warteschleife änderte, erklärte ein Beamter gegenüber ›The Guardian‹: »Wir haben Rückmeldungen bekommen, dass der Vivaldi-Ausschnitt bei Antragstellenden Ängste auslöst und insbesondere autistische Anrufende belastet.« ›The Guardian‹ fragte, ob man sich denn keine Gedanken darüber gemacht habe, welche Wirkung Vivaldis »pastorale Beschwörung von plätschernden Bächen, sanften Brisen und blühenden Auen« auf »gestresste Leistungsempfänger:innen haben könnte, die im Großbritannien des 21. Jahrhunderts am Rande der Armut leben«.
Vivaldi ist so etwas wie der Soundtrack der Sparpolitik nach 2008 und Die vier Jahreszeiten stehen symbolisch sowohl für eine billige Lösung als auch – paradoxerweise – für soziale Distinktion durch klassische Musik.

Man stelle sich mal vor, was der Komponist, der einen Großteil seiner Karriere in einem Mädchen-Waisenhaus lehrte, davon gehalten hätte. Wer im Ospedale della Pietà in Venedig wohnte, gehörte zu den ärmsten und schutzbedürftigsten Menschen der venezianischen Gesellschaft. Wie Nonnen hinter Klostermauern lebten die jungen Mädchen des Ospedale und erhielten neben Unterkunft und Verpflegung eine erstklassige musikalische Ausbildung. Das Pietà war eines der vier Ospedali Grandi der Stadt, die alle als Zentren musikalischer Exzellenz bekannt waren und ein großes Publikum aus ganz Europa zu ihren Konzerten lockten. Jean-Jacques Rousseau schrieb voller Bewunderung über die dortigen Aufführungen.
Aber auch diese Einrichtung entsprang nicht nur dem reinen Wunsch nach guten Taten – hier hatte jemand erkannt, dass mit den talentierten jungen Musikerinnen gutes Geld zu machen war. Dabei spielte man auch mit dem Voyeurismus des Publikums – die meisten Mädchen traten kaum sichtbar hinter Gittern oder Vorhängen auf. (Das sollte sich vor Augen führen, wer glaubt, dass das E-Streichquartett Bond mit seinen hautengen Lederhosen Vivaldis Musik nicht gerecht wird.) In diesem Klima schrieb Vivaldi die vier Violinkonzerte, von denen jedes eine Jahreszeit repräsentiert.
Selbst für unsere Ohren haben sie »etwas wirklich Modernes«, erklärt mir die Geigerin Fenella Humphreys über Zoom. »Das ist kein Violinpart mit Konzertbegleitung, wie es damals üblich war«. Das ist einer der Gründe, warum Humphreys kurz nach ihrem Hochschulabschluss ihre anhaltende Skepsis gegenüber dem Werk ablegte. Damals wurde sie von drei verschiedenen Veranstaltern gebeten, es aufzuführen; Die vier Jahreszeiten brachten ihre Karriere in Schwung. Zugegeben, das Stück ist sowohl für Musiker:innen als auch für das Publikum ein Massenprodukt und allgegenwärtig, nicht nur in der Hall of Fame von Classic FM, sondern auch auf Pizza-Speisekarten und Hotelfassaden. Dabei ist aber doch bemerkenswert, wie konstant immer wieder neue Versionen der Vier Jahreszeiten entstehen – wie bei einem Kaleidoskop, an dem beständig gedreht wird.
Die Musik ist dabei so robust, dass ihr auch Fernreisen nichts ausmachen; siehe Astor Piazzollas Las cuatro estaciones porteñas, zu Deutsch Die vier Jahreszeiten in Buenos Aires. Bei den BBC Proms 2013 verbanden Nigel Kennedy und die Palestine Strings ihre Interpretation mit faszinierenden Improvisationen über Themen der arabischen Volksmusik, mit Soli des palästinensischen Geigers Mostafa Saad. Irgendwo im Herbst verschmelzen Kennedys Synkopen mit der fallenden Melodie aus Led Zeppelins Kashmir. Es gibt Kaskaden von falschen Tönen. An einer Stelle verliert Kennedy komplett den Faden. Das ist laut, rau und extrem unterhaltsam.
Auch in Bezug auf die Klimakrise wird das Werk mittlerweile gerne programmiert. Als junger – und nicht besonders guter – Geiger waren Die vier Jahreszeiten fester Bestandteil unseres Streichquartett-Repertoires bei Hochzeitsempfängen und Weihnachtsfeiern in den East Midlands. Für den Geldbeutel eines 17-Jährigen waren sie ein Geschenk. Aber damals war mir das Werk nur insofern wichtig, als ich dafür bezahlt wurde. Heute sehe und höre ich die globale und ökologische Botschaft viel deutlicher – und bin von der musikalischen Kreativität Vivaldis überwältigt.
Es ist eine bittere Ironie, dass Vivaldi das Werk in einer Stadt komponierte, die noch in diesem Jahrhundert dem Anstieg des Meeresspiegels und damit dem Klimawandel zum Opfer fallen könnte; den schrecklichen Sturm, der im Sommer alles mit sich reißt, kann man als einen Vorboten dessen hören. Dieser Sturm wird im kurzen langsamen Satz des Sommers angedeutet, der eher eine verwüstete, unwirtliche Landschaft als ein idyllisches Arkadien heraufbeschwört. Das begleitende Sonett erzählt von einem müden Hirten, der durch fernes Donnergrollen und das Summen von Mücken und Fliegen um den Schlaf gebracht wird. Es ist der Klang der Erschöpfung und des Verfalls. Der Sommer ist eine dura staggion, eine harte Jahreszeit, in der Bäume zu Asche verbrennen. Menschen und Tiere schmachten in der sengenden Hitze. Der Anfang des ersten Satzes des Sommers wirkt suchend, unruhig, mit seltsam platzierten Betonungen – der erste Schlag der ersten Takte bleibt stumm, was das Rhythmusgefühl durcheinanderbringt – und höhlenartigen, schläfrigen Pausen.
Nach meinem Gespräch mit Humphreys höre ich auch den letzten Satz des Herbstes mit anderen Ohren. Die Musik stellt eine Fuchsjagd dar: Zu Beginn imitiert der Solist sowohl die Jagdhörner, die die Männer, ihre Hunde und ihre Gewehre zusammenrufen, als auch die Panik und Angst des Fuchses, der erschöpft stirbt. Humphreys meint, dieses Stück handele »davon, wie wir Tiere behandeln«, und zeige ein Lebewesen, das »auf schreckliche, grausame Weise zu Tode kommt«. Die Solistin spielt dabei beide Rollen – sowohl Jägerin als auch Gejagte.
Die Vier Jahreszeiten entstanden in einer Zeit, in der sich das Verständnis von Wetter und Umwelt wandelte. Der malerische Stil, der sich Mitte des 18. Jahrhunderts vollends durchsetzen sollte, begann sich bereits bei den venezianischen Landschaftsmalern der Zeit Vivaldis abzuzeichnen, die mit asymmetrischen Kompositionen, Unregelmäßigkeiten, mit einer gewissen Wildheit spielten. Giorgio Vasari verwendete den Begriff pittoresco, um Gemälde zu beschreiben, die sich den klassischen Regeln widersetzten oder nicht akademisch waren, sondern von Gefühl durchdrungen. Solche Gemälde bewegen sich zwischen dem Erhabenen und dem Schönen und schaffen ein unruhiges Gleichgewicht zwischen formaler Zurückhaltung und einer eher groben Ausdruckskraft.
Das ist auch einer der Gründe, warum Vivaldis Konzerte, veröffentlicht unter dem Titel Il cimento dell’armonia e dell’inventione, zu Deutsch etwa Das Wagnis von Harmonie und Erfindung, zu seiner Zeit so revolutionär war. Der Wechsel zwischen langsamen und schnellen Abschnitten war im Concerto grosso, einer von Arcangelo Corelli begründeten Form, nichts Neues. Aber Vivaldi nutzt ungewöhnliche Kontraste in der Textur und freie Improvisationspassagen, um das Gleichgewichtsgefühl zu stören. Denken wir beispielsweise an den ersten Satz des Sommers: In nur einer knappen Minute bewegen wir uns von den Gesängen der Turteltaube und des Finken über das Flüstern des Zephirs bis hin zum ersten Aufbäumen des bitteren Nordwinds.
Vivaldis Musik ist dabei sowohl illustrierend als auch erzählend. Das dramatische Motiv des Sturms beispielsweise schwebt über dem Ende des ersten Satzes, rückt im zweiten näher und bricht im dritten heftig hervor. Auf diese Weise führt es ein strukturelles Element ein, das im Spannungsverhältnis zur konventionellen symmetrischen dreisätzigen Form des Konzerts (schnell-langsam-schnell) steht, wie eine dramatische malerische Geste, die die ausgewogene Komposition eines Bildes stört.
Marco Ricci, ein venezianischer Landschaftsmaler und Zeitgenosse Vivaldis, spiegelt dessen Ästhetik in Werken wie Winterlandschaft (1728–29) oder Landschaft mit Sturm (1701) wider. Hier ist die Natur karg und unerbittlich, geradezu apokalyptisch. Viele Künstler wie Ricci malten auch Kulissen für die Opernhäuser Venedigs. Vivaldi, ein erfahrener Theatermann, dürfte diese künstlerische Entwicklung zumindest hier miterlebt haben.

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts formierte sich auch die Meteorologie als Wissenschaft. Im Jahr 1724, ein Jahr nach der Veröffentlichung der Vier Jahreszeiten, stellte Daniel Fahrenheit seine Temperaturskala vor. Zehn Jahre zuvor, kurz bevor Vivaldi sein Werk komponierte, hatte Fahrenheit das Quecksilberthermometer erfunden. In ganz Europa begannen Amateurwissenschaftler:innen, systematische Aufzeichnungen über Niederschläge und Temperaturen zu führen. Wie Jan Golinski in seinem Buch über die Wetterwissenschaft des 18. Jahrhunderts schreibt, entstand ein neues Konzept des ›Klimas‹, durch systematische Studien, die versuchten, Wetter auf eine Art Regelmäßigkeit zu reduzieren: »Die klimatischen Einflüsse auf das menschliche Leben zeigten, wie sehr es von Naturkräften bestimmt war, die sich der Macht der Vernunft nicht unterwerfen wollten.« Vivaldis plötzliche Gewitter, kalte Windböen und zerstörte Maisfelder verdeutlichen das durch Musik.
Die vier Jahreszeiten entstanden außerdem kurz nach dem »Jahrtausendwinter« 1708 bis 1709. Der kälteste Winter seit 500 Jahren führte in ganz Europa zu Ernteausfällen, Hungersnöten und anderen Katastrophen. Die Temperaturen fielen selbst in Italien auf bis zu -15 Grad Celsius. In Venedig fror ein Teil der Lagune zu. Gabriele Bellas Le lagon gelé zeigt Figuren, die auf dem Eis herumrutschen, kurz davor sind zu fallen oder bereits gefallen sind. Es herrscht dieselbe unruhige Stimmung, geradezu Panik, die wir auch auf den gefrorenen Wegen und dem tückischen Eis des Winters finden:
Mit zögernden Schritten über das Eis gehen,
Vorsichtig, aus Angst zu fallen.
Hastig gehen, ausrutschen, und auf den Boden fallen,
Wieder auf das Eis kommen und laufen,
Für den Fall, dass das Eis Risse bekommt und aufbricht.
So heißt es im begleitenden Sonett. In der Musik wird der atmosphärische Druck geradezu körperlich spürbar, als Hörer bin auch ich hier der Launenhaftigkeit der Natur ausgesetzt.
Die unglaublich lebhaften Aufnahmen mit historischen Instrumenten aus den letzten Jahren haben den Vier Jahreszeiten ihre Dringlichkeit und Brillanz zurückgegeben. Die mitreißende Aufnahme von Il Giardino Armonico ist weniger ein »Bitte haben Sie noch etwas Geduld« als vielmehr ein »Halten Sie sich fest!« Die Unvorhersehbarkeit, die Vivaldi in der Natur sieht, findet ihre expressive Entsprechung in der Tradition der Improvisation, in der diese Musik steht, und in den seltsamen, harten Klängen, die sie sprunghaft hervorbringt. Die Natur ist hier geheimnisvoll und bedrohlich, mit blutigen Zähnen und Klauen. ¶
