Über die Blauäugigkeit im Umgang mit Russlands imperialistischen Bestrebungen, die geheim nie waren, ist seit dem Beginn des Ukraine-Krieges viel nachgedacht worden. Trotzdem bleibt es irritierend, wie groß zum Beispiel der Wunsch war, Valery Gergievs sehr laute Kreml-Propaganda zu überhören. Im Vergleich wirkt die Haltung der Geigerin Lisa Batiashvili rückblickend nicht nur erstaunlich hellsichtig, sondern auch konsequent. Als eine der wenigen prominenten klassischen Musiker:innen kritisierte sie bereits 2014 Gergievs Putin-Nähe – und weigerte sich, mit ihm (und in Russland) aufzutreten. Schon 2015 warnte sie Europa davor, die Ukraine im Stich zu lassen und plädierte für mehr europäisches Selbstbewusstsein. Im selben Jahr trat sie beim ukrainischen Unabhängigkeitstag auf dem Majdan auf. Einen Monat vor Beginn des russischen Angriffs auf die gesamte Ukraine im Februar 2022 warnte sie davor, dass man »alle wichtigen Werte, für die die westliche Gesellschaft seit über 100 Jahren gekämpft hat«, über Bord werfe, falls es nicht gelingen sollte, eine russische Invasion zu verhindern. Und immer wieder engagierte sie sich in der Demokratiebewegung ihres Heimatlandes Georgien.
In den aktuellen geopolitischen Disruptionen vertauschen sich die Koordinaten. Die USA haben, so scheint es bei aller Erratizität, die Seiten gewechselt und sind auf dem Weg in die Autokratie. Vor zwei Wochen kündigte der Geiger Christian Tetzlaff an, unter einer Trump-Regierung nicht mehr in den USA auftreten zu wollen, und sagte eine anstehende Konzertreise ab. Batiashvili ist ab Ende April in New York und Washington auf Konzertreise. Wie steht sie zu all dem? Ich erreiche die Geigerin per Videotelefonat vor einem Konzert im spanischen Valencia.
Jetzt abonnieren, um weiterzulesen.
Unbegrenzter Zugang zu allen aktuellen Artikeln und dem Archiv
VAN als unabhängiges Magazin wird maßgeblich über Abos getragen. Mit Ihrem Abo ermöglichen Sie unsere Arbeit und sichern die Zukunft von VAN.
