Veröffentlicht inEssay

Trugschluss

Die motivische Entwicklung ebbt ab. Die Harmonie kehrt zurück zur Grundtonart. Der Schlussakkord verklingt. Die Hände des Dirigenten verharren auf Schulterhöhe, halten den Raum fest. Das Publikum sitzt in andächtiger Stille. Und sitzt. Und sitzt und sitzt und sitzt und sitzt und sitzt. Ich habe längst aufgehört zu zählen, wie oft in den letzten Jahren […]

Veröffentlicht inEssay

Vielleicht habe ich nicht genug getan

»Jeden Tag gerät etwas ins Rutschen, macht … (uns) zum Fremden, zur Fremden, verstärkt das Gefühl von Heimatlosigkeit in der neuen Wirklichkeit, und der schambehaftete Zweifel bleibt: Vielleicht habe ich nicht genug getan.« Ece Temelkuran Sonntag, 6. September 2026 – Wahltag Das letzte Konzert unserer diesjährigen Köthener Bachfesttage ist gerade zu Ende gegangen. Köthen liegt […]

Veröffentlicht inBericht

Més que un Konzerthaus

Der Potsdamer Platz hat – mal wieder – ein Imageproblem. Kein Berlinale-Bericht kam dieses Jahr ohne einen Seitenhieb gegen die wachsende Tristesse zwischen »Mall of Berlin« und Kulturforum aus. Kinemathek weg, Musicaltheater oll, »Boulevard der Stars« verrottet, Sony Center ein Lost Place. Bleibt der eisige Wind durch die Häuserschluchten und ein natürlicher Fluchtimpuls. Die Berlinale hat seit […]

Veröffentlicht inHundert 11

Ins Ungewisse hinab, ins Ungewisse hinauf

Henze-Absenz. Auffällig. Dabei galt er doch als der (relativ) Publikumsnahe, hielt sich selbst was drauf zugute, dass er sich nicht so weit von der Hörerschaft entfernt habe wie andere Komponisten seiner Zeit. Und jetzt? Zahlt sich das heute, zu Hans Werner Henzes Hundertstem, gar nicht aus? Der anlassbedürftige Klassikbetrieb lässt sich doch sonst kein Jubiläum […]

Veröffentlicht inKritik

Böse Musik

Paul Hindemiths erfolgreichstes Werk, das ihn berühmt machte, ist hundert Jahre alt und aktueller denn je. Das beweisen zwei Neuinszenierungen des Cardillac an diesem Wochenende, erst in Meiningen, danach in Zürich. Gespielt wird jeweils die Urfassung. An die von Hindemith revidierte Zweitfassung kann sich eh heute kaum noch jemand erinnern, sie wurde anno 1969 zum […]

Veröffentlicht inInterview

»Im Flötenunterricht gab es richtig und falsch, das empfand ich irgendwie als klärend.«

Ich möchte der Autorin Eva Menasse danken. Ich weiß jetzt, dass es in Ordnung ist, als Heranwüchsige gleichzeitig für die Sonatenhauptsatzform zu schwärmen und daneben auch die knarrende Austria-Bluesstimme eines Roland Neuwirth in die knospende Psyche eindröppeln zu lassen. Ja, die Sonatenhauptsatzform, ein Beispiel klingender Dialektik (so lernten wir das damals in der Innerschweizer Musikschule), […]

Veröffentlicht inEssay

Der leise Charismatiker

Helmuth Rilling und seine Ensembles – die Gächinger Kantorei und das Bach-Collegium Stuttgart – begegneten mir zum ersten Mal live bei einem Konzert in der Düsseldorfer Tonhalle mit Bachs Matthäuspassion. Das muss in den frühen 1980er Jahren gewesen sein. Den Stuttgartern eilte damals bereits ein illustrer Ruf voraus, und tatsächlich war das Live-Erlebnis elektrisierend. In […]

Veröffentlicht inEssay

Austrittserklärung

Ich steige aus. Vor mir ein hübsches hellgrünes Tal, umrahmt von sanften saftigen Hügeln. Über allem ein mildblauer Himmel, Wolkentürme wie auf einer Kinderzeichnung, ruhig kreisende Rotmilane. Hinter mir die Schatten, die mir seit Monaten den Schlaf rauben. Ich fahre ihnen mit meinem zerbeulten Fiat davon, bis ans Ende des Tals. Mein Ziel ist ein […]

Veröffentlicht inThe Society of Music

Gemein frei!

Wer Ottaviano Petrucci (1486–1539) war, ist nicht eben weithin bekannt, und wäre es noch weniger, hätte der venezianische Erfinder des Notendrucks mit beweglichen Typen nicht der Petrucci Music Library den Namen gegeben. Das ergibt insofern Sinn, als es das Harmonice Musices Odhecaton war, eine Anthologie polyphoner weltlicher Lieder, die als erstes Musikwerk im Notendruck publiziert […]

Veröffentlicht inHundert 11

Triangle of Happiness

Verdienstvolle List, wenn man einen magnetisch anziehenden Namen in den Dienst von dem stellt, was kaum einer kennt. Der Vehikel-Name lautet in dem Fall Lang Lang, und Nutznießende der Kollateral-Adhäsion ist die einzige Sinfonie von Hans Rott. Die wurde, neben der Aufführung durch ein Uni-Orchester, in Berlin zuletzt 2018 vom RSB unter Sebastian Weigle gespielt. […]

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