Paul Hindemiths erfolgreichstes Werk, das ihn berühmt machte, ist hundert Jahre alt und aktueller denn je. Das beweisen zwei Neuinszenierungen des Cardillac an diesem Wochenende, erst in Meiningen, danach in Zürich. Gespielt wird jeweils die Urfassung. An die von Hindemith revidierte Zweitfassung kann sich eh heute kaum noch jemand erinnern, sie wurde anno 1969 zum letzten Mal gezeigt. Wer nachfragt, wieso, hört von den Hindemith-Experten nichts als müde Gegenfragen: Um welchen Hindemith geht es denn, bitte? Um den jungen oder den alten? Vor oder nach seiner Vertreibung ins Exil?

Anfang der Zwanzigerjahre hatte Hindemith die Donaueschinger Musiktage mit begründet. Er schrieb auf Kante genähte Kammermusiken, daneben kurze Einakter, die Atem und Rhythmus der Großstadt spiegelten, wie, zum Beispiel in dem kabarettistisch inspirierten Einakter Neues vom Tage oder in der wirr-antiken Erotik-Schmonzette Mörder, Hoffnung der Frauen, nach Kokoschka. Cardillac war dann Hindemiths erstes abendfüllendes Stück und ein Meilenstein der Moderne. Es machte ihn 1926 erst richtig berühmt. Eine formklare Nummernoper, in vier Bildern, drei Akten, die exemplarisch aufräumt mit Wagners unendlicher Melodie und dem Mythos vom Originalgenie. Saxophon und Schlagzeug verbünden sich mit barocken Musikformen zu lärmend-dissonanten Tableaus.  


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… lernte Geige und Klavier, studierte Musik-, Literatur- und Theaterwissenschaft an der Freien Universität Berlin, promovierte über frühe Beethoven-Rezeption. Von 1994 bis 1997 Musikredakteurin der Zeit, von 1997 bis 2018 bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Seither wieder freelance unterwegs. Seit 2011 ist Büning Vorsitzende der Jury des Preises der deutschen Schallplattenkritik.