Helmuth Rilling und seine Ensembles – die Gächinger Kantorei und das Bach-Collegium Stuttgart – begegneten mir zum ersten Mal live bei einem Konzert in der Düsseldorfer Tonhalle mit Bachs Matthäuspassion. Das muss in den frühen 1980er Jahren gewesen sein. Den Stuttgartern eilte damals bereits ein illustrer Ruf voraus, und tatsächlich war das Live-Erlebnis elektrisierend. In Sachen Matthäuspassion war ich sozialisiert durch eine Philips-Einspielung von 1965 mit dem Concertgebouworkest in altgoldenem Bruckner-Sound unter der Leitung von Eugen Jochum mit einem riesigen Chor. Und hier stand nun ein schlank besetztes doppelchöriges Ensemble auf der Bühne, das flotte Tempi anschlug, plastisch artikulierte und das Drama der Passion mit schonungsloser Brutalität schilderte. Trotz der Ruhepunkte der Choräle und der kontemplativen Arien war diese Passion ein wahrhaft theatralisches Ereignis, das vor allem durch die hellwache Emphase des Chores unmittelbar mitriss. Das war ein ungeheuer vitaler Bach, frisch und dramatisch zugleich, eine kraftvolle Performance, die zuallererst dem Ausdruck verpflichtet war und nicht einem gepflegten Schönklang. Dieser Abend war eines jener seltenen Konzerterlebnisse, nach denen man sich mühsam zurücktasten muss in die Wirklichkeit. Ich war angefixt: Rilling und die Gächinger, da wollte ich hin!
Später studierte ich dann tatsächlich Gesang und meldete mich bereits im zweiten Semester an für einen Meisterkurs bei Arleen Augér im Rahmen der Sommerakademie Stuttgart. Denn die wurde geleitet von Helmuth Rilling, und die Gächinger waren ein wesentlicher Bestandteil des Akademie-Betriebs. Zu meiner eigenen Überraschung wurde ich, obwohl noch blutige Anfängerin, in den Kreis der aktiven Kursteilnehmerinnen bei Arleen Augér aufgenommen und arbeitete vor Publikum mit der großen Sopranistin an Arien aus Bach-Kantaten. Im Saal saßen auch Casting-Spione der Gächinger Kantorei und so geschah, was mein heimlicher Plan gewesen war: Ich wurde informell Mitglied der Kantorei, ohne noch einmal vorsingen zu müssen, die »Aufnahmeprüfung« war der Meisterkurs.

