Henze-Absenz. Auffällig. Dabei galt er doch als der (relativ) Publikumsnahe, hielt sich selbst was drauf zugute, dass er sich nicht so weit von der Hörerschaft entfernt habe wie andere Komponisten seiner Zeit. Und jetzt? Zahlt sich das heute, zu Hans Werner Henzes Hundertstem, gar nicht aus? Der anlassbedürftige Klassikbetrieb lässt sich doch sonst kein Jubiläum entgehen. Doch was den Kern von Henzes Schaffen angeht, das Musiktheater, ist Fehlanzeige: im ganzen Jahr nirgends eine Neuinszenierung einer Oper des 1926 geborenen Henze. Oder habe ich irgendwo was übersehen?
Der Konzertbetrieb immerhin regt sich, und da bei Henze alle Musik aus dem Theatralischen kommt, mag das notfalls als Bühnenereignis durchgehen. Vermutlich ein früher Höhepunkt des Henze-Jahres ist die Aufführung der neunten Sinfonie durch das Rundfunk-Sinfonieorchester und den Rundfunkchor Berlin mit Vladimir Jurowski in der Philharmonie. Dabei ist der Termin für die Wiedergabe dieses aufwändigen und herausfordernden Chor-Bekenntnis-Werkes bewusst gewählt: vierter Jahrestag des russischen Überfalls auf die Ukraine (der Vollinvasion, wie man mittlerweile angesichts der jahrelang vorausgegangenen russischen Aggression sagt). Der in Moskau geborene Jurowski dirigiert das demonstrativ mit den ukrainischen Farben und Friedenstaube am Revers: eine Musik, die von den Grauen der Nazizeit erzählt, aber in ein doch seltsames Allgemeines erhoben ist durch Hans-Ulrich Treichels ganz freie Dichtungen nach dem zugrundeliegenden Anna-Seghers-Roman Das siebte Kreuz. Es ist ein Werk der Heterogenitäten: Treichellyrik repräsentiert Seghersprosa, und Henzes sendungsbewusster Wille zum Monumentalen (Neunte mit großem Chor!) ist verbunden mit spürbar eigenstem, dringendem Anliegen; höchst Persönliches mit Historischem und Politischen.

