Das Konzertleben ist eine Baustelle. Gerade in Berlin, wo es doch von allem so viel zu geben scheint, existieren bemerkenswerte Leerflächen. So kann es kommen, dass ein angesagter Pianist wie Alexander Krichel, der wenige Tage zuvor noch in der Elbphilharmonie zu erleben war, hierzustadt nicht etwa im Kammermusiksaal der Philharmonie auftritt, sondern im urigen Pianosalon Christophori: nördlich des S-Bahnrings im einst rauen Wedding. Das Ambiente könnte unterschiedlicher nicht sein: draußen kein schnieker Elbhafen, sondern die trüb rinnende Panke, drinnen statt optimiertem Hightech-Saal Werkstattatmosphäre mit zusammengerümpeltem Mobiliar, man wird persönlich begrüßt, darf Getränke statt hastig in der Pause mit an den Platz nehmen. Und der Eintritt kostet auch nur die Hälfte.
Das Programm aber ist das Gleiche wie in der Elbphilharmonie – und doch ganz anders. Denn der Petrof-Flügel, den Krichel sich unter den hier zur Auswahl stehenden Instrumenten ausgesucht hat, ist ein ziemlich lebendiges Instrument. Es hat eine warme, singende Mittellage, neigt zugleich im Diskant zum Klirren, das audiophile Menschen piesackt. Und es kann bei heftigen Eruptionen in Dröhnen und Rauschen kippen; etwa in den Krieger-Passagen von Frédéric Chopins 2. Ballade F-Dur, die in so wohligem Wiegen beginnt, ehe die Gewalt einbricht. Ansonsten bemüht Krichel sich schon im eröffnenden Des-Dur-Nocturne Opus 27/2 um einen nüchterneren Chopin-Ton jenseits selbstzweckhaften Perlens. Diese Salonnacht ist klar.

