Gleich zwei mächtigen Meeressäugern finden sich hier Musik und Bühne gegenüber: Da ist zum einen der zugrundeliegende, 1989 auf Ungarisch erschienene Roman Melancholie des Widerstands von László Krasznahorkai, einem Schriftsteller von Weltrang, wie man so sagt. Und zum anderen der nach demselben Buch entstandene Béla-Tarr-Film Die Werckmeisterschen Harmonien, der auf der BBC-Liste der 100 bedeutendsten Filme des 21. Jahrhunderts steht. Die Musik des französischen Komponisten Marc-André Dalbavie und die Inszenierung von David Marton müssten also sowohl Krasznahorkais herausfordernder, schillernder Wortsprache als auch der hypnotischen, stillen Bildsprache von Tarr sehr Starkes, Eigenes entgegensetzen, um als eigenes Werk wirklich bestehen zu können.

Und schließlich soll ja auch noch das neugierige Staatsopern-Publikum bei der Stange bleiben in diesen 140 pausenlosen Minuten, wozu es sich irgendwie einen Reim machen muss auf die enigmatische Handlung einer diffusen Totalbedrohung in irgendeinem Provence-Posemuckel (in Roman und Film ist es ein Karpatenkaff), quasi Apokalypse in Kleinkleckersdorf, in das ein symbolträchtiger Zirkus einzieht, der einen toten Riesenwal präsentiert, welcher wie bei Melville sowohl alles als auch gar nichts bedeuten kann; in diesem Hintersinntupfing wabern die vollkommenen Einsamkeiten mehrerer Figuren herum, eines versoffenen, kosmologisch interessierten Streuners, eines per Willensentschluss bettsüchtigen Musiktheoretikers, dessen monströs nervenzersetzender und machthungriger Ex-Frau oder der von Angst zerfressenen Streunermutter, die sich durch Nippesbehaglichkeit magisch vor dem Grauen zu schützen sucht (ein selbstverständlich vergebliches Unterfangen), am Ende steht ein blinder Gewaltrausch.


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… lebt in Berlin, liebt Musik, schreibt Romane: u.a. ›Beethovn‹ (2020). Zuletzt erschien ›Silence‹. ✉️ KonzertgaengerBerlin@gmail.com