Zur selben Zeit, da in Wien der European Song Contest stattfand, wurde auch an der Komischen Oper Berlin eine Party mit eisernem Willen zur Ausgelassenheit gefeiert, rhythmisch und satztechnisch weitaus amorpher, doch ähnlich queer. Die genderfluide Figur schlechthin, Virginia Woolfs Orlando, hat auf der Opernbühne neuerdings ein Kind, das hier ausgiebig die nichtbinäre Freiheit preist. […]
Kategorie: Hundert 11
Konzertgänger in Berlin – der Blog von Albrecht Selge.
Mehr Ausdruck der Empfindung als Kritik.

Ritual und Illusion
So wie jedes Konzert mit Herbert Blomstedt eine tollkühne Herausforderung aller Gesetze der Zeitlichkeit ist, so stellt jeder Klavierabend mit Grigory Sokolov die Auflösung aller Zeit im Ritual dar. Der Vorgang wiederholt sich wie Weihnachten und Ostern Jahr für Jahr, jedes Mal von Neuem, aber immer gleich: dieselbe Jahreszeit, zu der Sokolov alljährlich an seiner […]
Vollbad im Feuersee
Vor etwa zehn Jahren schrieb ich nach einer Aufführung der vierten Sinfonie von Franz Schmidt über eine Assoziation zum Trompetenklang von Miles Davis, was damals in einem Franz-Schmidt-Spezialisten-Forum (es gibt nichts, was es nicht gibt) spöttisches Kopfschütteln auslöste. Nun denn! Es kehrt im Leben alles wieder; und so setzt das diesjährige Musikfest Hamburg einen Miles-Davis-Schwerpunkt […]
Teuflischer Tritonus, engelsgleiche Gebärde
»Als wären aus den Spitälern (…) alle Kranken in einem Graben beisammen, ein solcher Jammer war da, und ein solcher Gestank war da wie von verfaulenden Gliedern«, heißt es (übersetzt von Kurt Flasch) im 29. Gesang des Inferno, wo Dante im zehnten Höllenkreis die Geister von Fälschern »in seltsamen Bündeln dahinsiechen« lässt. Unbehagliches Terrain, allerdings […]
Zertrümmert liegt, was je sie getrennt
Zwei Monate vor der Premiere einer neuen Walküre an der Bayerischen Staatsoper läuft in Berlin ein erster Aufzug mit teilweise gleicher Besetzung. Trotz der Schnittmenge ist das mehr als ein partieller Testdurchgang: erstens, weil musikalisch lohnend konzertant, zweitens, weil dramaturgisch lohnend kombiniert mit – na hoppla – Brahms. Das ist verblüffend, ja irritierend, in seinem […]
Besoffen durch Raum und Zeit
Auch in einer Stadt wie dem schönen, beschaulichen, schwierigen Görlitz schieben sich Räume und Zeiten ineinander, dass man ins Träumen und Schwindeln geraten kann. Prächtig wiederhergestellte Herrlichkeiten von Gotik bis Jugendstil liegen hier neben spürbaren Lücken und Tücken politischer Gegenwart, erneuertes Wundern neben alten Wunden; und entdeckt der Besucher dieser großartigen kleinen Stadt in der […]
Pausenwein unersehnt
Bei langjährigen Streichquartetten stellt sich nach vielen Besetzungswechseln die philosophische Frage vom »Schiff des Theseus«: Ab wie vielen Plankenwechseln verliert ein Objekt seine Identität, verliert es sie überhaupt? Grundsätzlich machen solche Revirements Kammermusik-Ensembles ja unbeschränkt seetüchtig. Das Juilliard String Quartet gibt es seit 1946, das Gewandhaus-Quartett existiert quasi seit Christi Geburt. Das Takács Quartet aber, […]
Freak und Birken
»Leben mit einem Idioten« klingt für mich wie eine Untertreibung in der gegenwärtigen Lage, wo verschiedene Formen des Psychopathentums Voraussetzung für weltmächtigste Ämter zu sein scheinen. Und so scheint mir Alfred Schnittkes Oper Leben mit einem Idioten von 1992, deren Neuinszenierung, als Koproduktion mit Nancy, jetzt Premiere in Magdeburg feierte, gerade sehr fern und sehr […]
Virtuosität der Poesie
Kit Armstrong – kein Wunderkind mehr, aber immer noch Wunder – sei der einzige Musiker, der direkten Zugang in Beethovens Kopf habe, erklärt sinngemäß Dirigent Jan Caeyers vor dem Konzert: Hier sitze quasi Beethoven selbst am Klavier. Einem so profunden Euphoriker wie Caeyers nimmt man solchen Überschwang gern ab. Und auch dem gepriesenen Wunder Armstrong […]
Ins Ungewisse hinab, ins Ungewisse hinauf
Henze-Absenz. Auffällig. Dabei galt er doch als der (relativ) Publikumsnahe, hielt sich selbst was drauf zugute, dass er sich nicht so weit von der Hörerschaft entfernt habe wie andere Komponisten seiner Zeit. Und jetzt? Zahlt sich das heute, zu Hans Werner Henzes Hundertstem, gar nicht aus? Der anlassbedürftige Klassikbetrieb lässt sich doch sonst kein Jubiläum […]
