So wie jedes Konzert mit Herbert Blomstedt eine tollkühne Herausforderung aller Gesetze der Zeitlichkeit ist, so stellt jeder Klavierabend mit Grigory Sokolov die Auflösung aller Zeit im Ritual dar. Der Vorgang wiederholt sich wie Weihnachten und Ostern Jahr für Jahr, jedes Mal von Neuem, aber immer gleich: dieselbe Jahreszeit, zu der Sokolov alljährlich an seiner Spielstätte erscheint, das Hereinkommen und Hinausgehen im gedimmten Licht, die sechsmalige Wiederkehr zu den stets sechs Zugaben. Doch dieser Vollzug ist nicht, wie in Cees Nootebooms berühmtem Roman Rituale, einer der Absage ans Leben, sondern einer der Lebensbejahung. Auch das alljährliche Dabeisein als Hörer.
Die Kehrseite des Rituals ist der Kult, im poppigen Sinn. Sokolov ist »Kult«, mit allen publikumsseitigen Schattenwirkungen: Bereits im zweiten oder dritten Takt von Beethovens eröffnender Klaviersonate Es-Dur Opus 7 blitzt in der Berliner Philharmonie das erste Fotolicht auf. Im zweiten Satz der Es-Dur-Sonate klingelt das erste Handy. In der ersten der Bagatellen Opus 126, mit denen das Programm sich fortsetzen wird, klingelt es am längsten. Bei der vierten Bagatelle zieht jemand direkt hinter mir seine Armbanduhr auf. Am Ende des Abends entfesselt sich unziemliches Johlen des Publikums, das sich mit der stillen Kunst des Grigory Sokolov schwerlich verträgt.

