Jüngeren Menschen in der Hauptstadt dürfte Albert Lortzing am ehesten noch geläufig sein durch das Marmordenkmal in der schönsten Gegend des Berliner Tiergartens, gleich gegenüber der Rousseau-Insel. Das ist eine Versteinerung geradezu ovidischen Ausmaßes, wenn man die Tatsache bedenkt, dass vor wenigen Jahrzehnten jedermensch Lortzing im Ohr hatte. Etwa die sentimentalen Verse des Zaren aus […]
Autoren-Archive: Albrecht Selge
… lebt in Berlin, liebt Musik, schreibt Romane: u.a. ›Beethovn‹ (2020). Zuletzt erschien ›Silence‹.
Ob Mexiko oder Marokko, Hauptsache Musik
Nicht alles, was hinkt, ist ein Ausgleich (wie schon Josef Herberger nicht sagte). Trotzdem kann man den Pianisten Stephan von Bothmer gleichsam als den Heribert Faßbender der Fußballmusik bezeichnen, denn beide haben die akustische Parallelaktion zum Sportereignis in den Rang einer eigenen Kunstform erhoben. Dieser brachte mittels des gesprochenen Worts das nackte Spiel auf eine […]
Klangwolke aus dem Glockenturm
Die interessantesten Konzerte sind nicht immer die ausverkauftesten. Während sich bei einem Mahler-Abend die philharmonische Bude quasi von allein füllt, ist ein Konzert mit drei wenig bekannten tschechischen Werken etwas für Neugierige – und für Hörer, die Jakub Hrůša bereits erlebt haben. Denn die kennen die Qualität dieses eitelfrei hochqualifizierten Dirigenten, die man so beschreiben […]
Über sieben Flügel musst du gehn
Vorspiele und Konzerte der Musikhochschulen sind nicht nur Fixtermine für Klassikfreunde mit schmalem Geldbeutel, sondern auch Experimentierfelder für junge Musizierende, seltenes Repertoire, ungewöhnliche Formate. Eine bewährte Institution in diesem Sinn ist das frühsommerliche Festival Crescendo der Berliner Universität der Künste, das in diesem Jahr unter dem Motto GegenTöne steht. Ein wohlgewählter Titel, nicht nur ästhetisch, […]
Zuverlässig unbehaglich
Eine der Luxuriositäten des hiesigen Musiklebens, die dereinst vielleicht »von einst« sein werden: an zwei aufeinanderfolgenden Abenden zwei große Mahlersinfonien zu hören, in zwei benachbarten Häusern, gespielt von zwei erstrangigen Orchestern und geleitet von zwei Stardirigenten beiderlei Geschlechts. Es soll Lästerzungen geben, denen die höchst erfolgreichen Yannick Nézet-Séguin und Joana Mallwitz als Schaudirigenten gelten, dies […]
Appell ohne Thrill
Zur selben Zeit, da in Wien der European Song Contest stattfand, wurde auch an der Komischen Oper Berlin eine Party mit eisernem Willen zur Ausgelassenheit gefeiert, rhythmisch und satztechnisch weitaus amorpher, doch ähnlich queer. Die genderfluide Figur schlechthin, Virginia Woolfs Orlando, hat auf der Opernbühne neuerdings ein Kind, das hier ausgiebig die nichtbinäre Freiheit preist. […]
Ritual und Illusion
So wie jedes Konzert mit Herbert Blomstedt eine tollkühne Herausforderung aller Gesetze der Zeitlichkeit ist, so stellt jeder Klavierabend mit Grigory Sokolov die Auflösung aller Zeit im Ritual dar. Der Vorgang wiederholt sich wie Weihnachten und Ostern Jahr für Jahr, jedes Mal von Neuem, aber immer gleich: dieselbe Jahreszeit, zu der Sokolov alljährlich an seiner […]
Vollbad im Feuersee
Vor etwa zehn Jahren schrieb ich nach einer Aufführung der vierten Sinfonie von Franz Schmidt über eine Assoziation zum Trompetenklang von Miles Davis, was damals in einem Franz-Schmidt-Spezialisten-Forum (es gibt nichts, was es nicht gibt) spöttisches Kopfschütteln auslöste. Nun denn! Es kehrt im Leben alles wieder; und so setzt das diesjährige Musikfest Hamburg einen Miles-Davis-Schwerpunkt […]
Teuflischer Tritonus, engelsgleiche Gebärde
»Als wären aus den Spitälern (…) alle Kranken in einem Graben beisammen, ein solcher Jammer war da, und ein solcher Gestank war da wie von verfaulenden Gliedern«, heißt es (übersetzt von Kurt Flasch) im 29. Gesang des Inferno, wo Dante im zehnten Höllenkreis die Geister von Fälschern »in seltsamen Bündeln dahinsiechen« lässt. Unbehagliches Terrain, allerdings […]
Zertrümmert liegt, was je sie getrennt
Zwei Monate vor der Premiere einer neuen Walküre an der Bayerischen Staatsoper läuft in Berlin ein erster Aufzug mit teilweise gleicher Besetzung. Trotz der Schnittmenge ist das mehr als ein partieller Testdurchgang: erstens, weil musikalisch lohnend konzertant, zweitens, weil dramaturgisch lohnend kombiniert mit – na hoppla – Brahms. Das ist verblüffend, ja irritierend, in seinem […]
