Gibt es eigentlich eine Oper mit einer größeren Kluft zwischen sprödem Werktitel und überwältigender Bühnenkraft, als sie in Poulencs Dialogues des Carmélites besteht? Und eine Oper, die zugleich ebenso aus der Zeit gefallen scheint, wie sie brennend aktuell ist? Heutig: weil die Kontaktpunkte zwischen unserer Gegenwart und der Geschichte einer Gruppe von Frauen, die der mörderischen Raserei eines entfesselten Umsturzes aller Werte zum Opfer fallen, auf der Hand liegen. Gestrig: unter anderem deshalb, weil diese Frauen gläubige Christinnen sind, sogar Nonnen, was allein schon Befremdung hervorrufen muss in einer Gesellschaft, die Menschen geistlichen Standes medial vermittelt auf Bühne und Bildschirm fast nur noch als Witzfiguren kennt, maximal als TV-Ermittler. Poulencs Oper von 1957 stammt aus einem fernen Zeitalter, als ein Star wie Jean-Paul Belmondo noch mit tiefem Ernst einen katholischen Priester darzustellen wusste (in Jean-Pierre Melvilles Léon Morin, prêtre von 1961).


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… lebt in Berlin, liebt Musik, schreibt Romane: u.a. ›Beethovn‹ (2020). Zuletzt erschien ›Silence‹. ✉️ KonzertgaengerBerlin@gmail.com