Im Oktober 2018 betrat Jamal Khashoggi das saudi-arabische Generalkonsulat in Istanbul – und verließ es nie wieder. Khashoggi, ein Journalist der Washington Post und des Middle East Eye, der das saudi-arabische Regime scharf kritisiert hatte, wurde von einem 15-köpfigen Killerkommando brutal ermordet. Nach Angaben der US-Geheimdienste wurde die grausame Gewalttat vom saudi-arabischen Kronprinzen und De-facto-Staatschef Mohammed bin Salman angeordnet.

Es folgte ein internationaler Aufschrei, verschiedene NGOs forderten ihre jeweiligen Regierungen auf, die Handelsbeziehungen mit Saudi-Arabien zu beenden. Doch im Gegensatz zu Ländern wie Deutschland (das im Januar 2024 zum ersten Mal seit 2018 wieder Waffenlieferungen an Riad genehmigt hat), Finnland und Dänemark, die unter anderem als Reaktion auf den Mord einen Waffenexportstopp verhängten, zog man in Großbritannien keine Konsequenzen, was online scharf kritisiert wurde – auch von der Sängerin Sarah Connolly. »Das Volk mit Hinhaltetaktik beruhigen, weil Geld mehr zählt als Moral«, twitterte sie. »Das ist, was unsere Regierung mit uns macht.« (Nach Erscheinen dieses Artikels in der englischsprachigen VAN Ausgabe hat Sarah Connolly ihr X-/Twitter-Konto gelöscht.)

Connolly ist Dame Commander of the Order of the British Empire und Präsidentin der British Youth Opera, sie war Solistin bei der Last Night of the Proms, ihr wurde die King’s Medal for Music verliehen. Außerdem twittert sie sehr viel (über 43.000 Tweets seit 2010).

Besonders der Brexit ist seit langem ihr Thema, speziell mit Blick auf die Möglichkeiten britischer Musiker:innen, in Europa zu arbeiten, genau wie das Recht auf Versammlungs- und Redefreiheit. Immer wieder erklärte sie in der Vergangenheit, wie wichtig es ist, dass Journalist:innen und die Öffentlichkeit die Politiker:innen zur Rechenschaft ziehen. Denkwürdig war dabei unter anderem ihr öffentlicher Vorwurf gegen den Parlamentsabgeordneten Jesse Norman (der rein gar nichts mit der fast namensgleichen Sopranistin zu tun hat), der laut der Website They Work For You gegen Gesetze zur Stärkung von Menschenrechten gestimmt hatte. »Ich frage mich, ob die Musiker:innen, die Sie unterstützen, wissen, wie Sie zu Menschenrechten und Gleichberechtigung stehen?«, twitterte Connolly.

Um 8 Uhr an einem Freitagmorgen erreiche ich Connolly (zusammen mit ihrer PR-Beraterin) per Videocall, um mit ihr über Zarqa Al Yamama zu sprechen, einer von Saudi-Arabien finanzierten Produktion der ersten Oper des australischen Komponisten Lee Bradshaw. Die Produktion ist ein Vorzeigeprojekt der saudi-arabischen Regierung, Connolly spielt die Titelrolle: eine blauäugige, Kassandra-ähnliche Figur aus der vorislamischen Folklore. (Premiere ist am 5. Mai in Riad, noch gibt es viele, viele Tickets).

Wir reden etwa 20 Minuten lang, dann bricht die Verbindung ab. Noch einmal sprechen wir, werden aber bald wieder unterbrochen. Beim dritten Versuch sagt Conolly nur noch, dass wir keine Zeit mehr haben, sie müsse zur Probe. Mehrere Versuche, das Interview zu beenden, bleiben erfolglos.

Das Gespräch war unterm Strich also zwar kurz, aber alles andere als belanglos: Connolly sprach über Online-Aktivismus, die Herausforderung, auf Arabisch zu singen, und darüber, warum sie eine leitende Rolle in einem Kulturprojekt einnimmt, das von einem Regime finanziert wird, das sie selbst einst als »mordende Autokraten, die in einer Zeitschleife feststecken« bezeichnete.


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… ist Redakteur der englischsprachigen VAN-Ausgabe. Er lebt in London.