Calixto Bieito ist verantwortlich für einige der eindrücklichsten Bilder, die in den letzten Jahren auf europäischen Opernbühnen zu erleben waren. Ich werde nie seine Version der Entführung aus dem Serail an der Komischen Oper Berlin vergessen. Mozarts Musik und die zeitgenössische Bordellkulisse rieben sich hier aneinander. Die Musik bekam etwas geheimnisvoll Schmutziges, während die Kulisse von einer schwer zu verortenden Noblesse durchdrungen wurde, und die Wirkung des allgegenwärtigen schlaffen Penisses des Sängers, der den Osmin spielte, schwankte zwischen gesunder Belanglosigkeit und Kitzel. Bieito probt derzeit für seine neue Produktion von Verdis I Vespri Siciliani am Opernhaus Zürich, die am 9. Juni Premiere hat. Dort erreiche ich ihn via Zoom.
VAN: Aktuell arbeiten Sie am Opernhaus Zürich an einer neuen Produktion von I Vespri Siciliani. Wie läuft’s?
Calixto Bieito: Dieses Projekt wurde schon vor der Pandemie geplant; wir hatten damals ein Jahr Zeit, und ich war sehr gut vorbereitet. Jetzt bringen wir es auf die Bühne. Mein Kopf ist voll. Die Themen sind sehr stark, was gut ist. Die Dramaturgie und die Struktur des Stücks sind natürlich nicht perfekt, weil Verdi sie so oft geändert hat, aber die Musik, die Figuren und die Geschichte sind wunderbar. Es geht um Mythen: die Vergewaltigung der Sabinerinnen, diesen Gründungsmythos des Römischen Reiches. Es geht um Nationalismus, darum, was es bedeutet, ein Patriot zu sein, um die Beziehung zwischen Vater und Sohn. Verdi nutzte das Stück, um Privates zu thematisieren, aber auch den Kontext, in dem er lebte – die Einigung Italiens und die Zensur, mit der er umzugehen hatte.

