Übersetzung Jonas Löffler

Die Fondamenta Sant’Eufemia, eine Straße auf der venezianischen Insel Giudecca, verläuft parallel zum Wasser. Wie sie über den ans Ufer schlagenden Wellen erscheint, wirkt ihre Existenz fast zufällig. Zwischen den zwei Fassaden mit den Nummern 610A und der leicht abblätternden 655 nimmt eine Gasse ihren Anfang, die von roten und grauen Häusern gesäumt wird. Die Farben wiederholen sich wieder auf anderen Ebenen: Neben den Backsteinen der Häuser stehen die polierten Fliesen eines ehemaligen Konvents, die graue Kirche an einer Piazza verschmilzt mit dem noch etwas graueren Himmel. Neben ihr befindet sich das Archivio Luigi Nono. In ihm werden die Manuskripte und Schriften des venezianischen Meisters des Klangs, der Stille und des Raums aufbewahrt.

An der Wende zum 20. Jahrhundert war Giudecca noch eine Insel voller Gärten. Mit den Jahren wurden diese von Fabriken ersetzt. Wenn man die Brücke von der Calle Cosmo zur Calle Convertite überquert, kann man immer noch Spuren von dem erkennen, was Margaret Plant in ihrem 2002 erschienenen Buch Venice. Fragile City eine »traurige, etwas minderwertige Erscheinung« nennt. Auf der anderen Seite beherbergt die Insel auch die imposante (und prächtige) ehemalige Getreidemühle Molino Stucky, in der sich das elegante Hilton Hotel befindet. »Die Giudecca hat sich komplett verändert, seit Nono hier gelebt und gearbeitet hat«, erzählt mir Nuria Schönberg-Nono. (Klarstellung an dieser Stelle: Meine Reisekosten wurden vom Ricordi-Verlag übernommen, der Nonos Partituren verlegt.)

Schönberg-Nono ist die Gründerin und die Präsidentin des Archivio Luigi Nono, die Tochter von Arnold Schönberg und die Witwe des venezianischen Komponisten. Sie definiert sich aber lieber über ihre Arbeit für das Archiv: »Viele Menschen kommen zu mir und sagen: ›Oh, was für eine Ehre Sie kennen zu lernen!‹ Diese ›Ehre‹ beziehen sie dann vor allem darauf, dass ich die Tochter von Schönberg bin, was ja zunächst einmal überhaupt nichts heißt. Ich könnte Schönbergs Tochter sein und völlig idiotische Sachen tun. Mir ist es lieber, wenn die Leute wissen, dass ich etwas bewegen kann. Seitdem es mit dem Archiv so gut läuft, passiert mir das auch nicht mehr so häufig.«

Der kontinuierliche Erfolg des Archivs, der einen Großteil von Schönberg-Nonos Lebenswerk ausmacht, gibt ihr aber auch Anlass zur Sorge. Im Jahr 2015 wurde ein Außenseiter, der Geschäftsmann Luigi Brugnaro, zum Bürgermeister von Venedig gewählt. Der Mann mit Twitter-Account, den er vor allem zum Schikanieren benutzt (Brugnaro geriet in eine öffentlich ausgetragene Schlammschlacht mit Elton John), hat seine Wahl vor allem Stimmen aus der Region Veneto zu verdanken, weniger aus der Stadt Venedig selbst. Seit seiner Wahl hat er unter anderem damit gedroht, Kunst aus den Sammlungen der Stadt zu verkaufen um öffentliche Kassen zu füllen. Er ist ein Populist, der rechts des Zentrums steht – in einer Stadt, die eigentlich linke intellektuelle Politiker gewohnt ist.

Die Archive, die Schönberg-Nono für ihren Mann und ihren Vater eingerichtet hat, mussten in der Vergangenheit schon beide umziehen. Im Jahr 1995 verließ das Arnold Schönberg Institute die University of Southern California. »Das Gebäude war maßgeschneidert für das Archiv, es war wirklich schön. Mittlerweile haben sie es abgerissen und an seiner Stelle einen Wolkenkratzer errichtet«, sagt sie mir. Das Archiv befindet sich nun im Arnold Schönberg Center in Wien. Die ursprüngliche Unterkunft für das Archivio Luigi Nono war ein Gebäude mit zwei großen Räumen nahe des Hilton Hotels – aber »das hat uns ein Vermögen gekostet und wir hatten leider das Geld nicht, um es zu halten«, so Schönberg-Nono. Die gegenwärtige Heimat des Archivs im Convento dei Santi Cosma e Damiano wird von der Stadt zur Miete bereitgestellt. Der Deal wurde durch den ehemaligen Bürgermeister und Philosophen Massimo Cacciari ermöglicht, einen Freund und Bewunderer Nonos – ein Bürgermeister von der Art, die in der Freizeit Essays über Nietzsche schreibt.

Brugnaro sei ganz im Gegensatz dazu »gegen Intellektuelle und alles, was irgendwie mit Kunst zu tun hat«, sagt Schönberg-Nono. Das Archivio erhält keine Zuschüsse von der Stadt; das Geld, das es erhält, kommt von der Regionalregierung und aus Spenden. Es reicht aus, um zwei Teilzeitstellen und Schönberg-Nonos eigene Arbeit zu finanzieren. Ein weiterer wichtiger Geldzufluss – Tantiemen aus den Aufführungen der Werke Arnold Schönbergs – wird versiegen, wenn diese 2021 gemeinfrei werden. »Bis jetzt hat Venedig, fragil und verletzlich, die Elemente überdauert, die Korrosion durch das Wasser, die atmosphärischen Veränderungen, die Gezeiten«, schreibt Plant. Im Archivio Luigi Nono spürt man diese Fragilität und auch die Ausdauer, beides verstärkt durch die vielen in ihm aufbewahrten Dinge, die das Archiv so schützenswert machen.

Ein wesentliches Ziel Schönberg-Nonos für die Stiftung ist der offene Zugang. Als der Mietvertrag für den aktuellen Sitz des Archivs abgeschlossen war, setzte sie sich mit Giorgio Mastinu, einem Architekten, zusammen und »entwarf das gesamte Projekt mit Klebeband auf dem Fußboden«, sagt mir Mastinu. »Ich wollte einen einzigartigen Ort mit minimaler Raumaufteilung. Vom Eingang kann man direkt bis zur hinteren Mauer des großen Raums schauen und einen Überblick von dem gewinnen, was gerade passiert.« Große Fenster blicken auf einen Garten im Innenhof, eine Reminiszenz an die romantische Vergangenheit der Giudecca.

Laufpublikum ist erwünscht und Besucher müssen neben einem Interesse an Luigi Nono keine besondere Zugangsberechtigung vorweisen. Während meinem Besuch am 24. November empfing Schönberg-Nono ein Musikwissenschaftlerpaar, zwei Ärzte und einen nigerianischen Geschäftsmann sehr herzlich. Zu den in der Vergangenheit von ihr veranstalteten wissenschaftlichen Vorträgen zu Nonos Werk verlangte sie von den Vortragenden eine auch Laien verständliche Sprache.

An den Wänden der Stiftung hängen Kästen, in denen hinter Milchglas Farbkopien von Nonos Skizzen und Manuskripten aufbewahrt werden. Auf eine dieser Skizzen hat Nono selbst den Namen Gabrieli geschrieben, Bezug nehmend auf den Renaissancekomponisten, der einen andauernden Einfluss auf ihn hatte und den Nono als durch und durch venezianisch ansah. Besucher können die Boxen aus den Kästen nehmen, sich den Inhalten nähern, sie anschauen und anfassen. Schönberg-Nono zeigt mir einige Seiten und sagt: »Für mich macht es einen großen Unterschied, ob man die Sachen auf diese Weise sieht, oder ob man nur ein kleines schwarzes Quadrat auf einem Computerbildschirm vor sich hat.« Mikrofilme, wie sie viele andere Institutionen verwenden, kommen für Schönberg-Nono nicht in Frage: »Man spürt die Temperatur und die Energie des Werkes, wenn man es auf diese Weise sieht.«

Der Kontrast zur Basler Paul-Sacher-Stiftung (Artikel dazu in der US-Ausgabe von VAN) könnte nicht größer sein. Die Sacher-Stiftung, ein Archiv, in dem die Nachlässe vieler wichtiger Komponistinnen und Komponisten des 20. Jahrhunderts aufbewahrt werden, kann nur mit einem lange im Voraus vereinbarten Termin besucht werden, ist ausschließlich qualifizierten Forschern vorbehalten und stellt alle Dokumente nur auf Mikrofilm zur Verfügung. »Dort ist es wie in Fort Knox«, sagt Schönberg-Nono. »Vor kurzem war ich zum ersten Mal dort und ich habe mich, ehrlich gesagt, zu Tode gefürchtet.« Die engen Flure und der unterirdische Tresor hätten ihr klaustrophobische Gefühle bereitet. Über die Zugangspolitik der Stiftung sagt Schönberg-Nono: »Die Philosophie ist eben sehr unterschiedlich.« Es sei ihr sehr wichtig, den Leuten Zugang zu Nono in Venedig, seiner eigenen Heimat, zu gewähren. Nono selbst war darüber hinaus ein Sozialist, der auch Musik für die Arbeiterklasse geschrieben hat. Offenkundig hätte er selbst nicht gewollt, dass sein Archiv ein exklusiver Ort voller Beschränkungen wird.

Stefan Litwin, ein Pianist, der in der Vergangenheit mit Schönberg-Nono Gesprächs-Konzerte zu den Werken Schönbergs und Nonos veranstaltet hat, betont ebenfalls, wie wichtig es ist, die Skizzen im Archiv anfassen und fühlen zu können. »Ein Archiv muss ein praktisch ausgerichteter Ort sein«, sagt er. Die offene und einladende Politik des Archivio Luigi Nono macht aus dem Archiv ein nützliches Forschungszentrum. Aber es ist auch noch etwas subtileres wirksam: Als Litwin von seinen Konzerten bei Schönberg-Nono erzählt, sagt er, dass sie »wie ein Familienausflug« waren. Als ich beobachte, wie sie mit ihren Händen Nonos Skizzen und ein dickes Buch über Arnold Schönbergs Leben berührt, wird mir klar: Was das Archivio Luigi Nono von der Paul-Sacher-Stiftung unterscheidet ist etwas viel Grundlegenderes als Architektur oder Zugangspolitik. Der Unterschied ist Liebe.

Ist die Zukunft des Archivio Luigi Nono gesichert unter Brugnaros Regierung? Lucio Rubini hat zusammen mit Maurizio Busacca ein Buch mit dem Titel Venezia chiama Boston geschrieben. Der Slogan stammt von einem Wahlkampfposter von Brugnaro: Sein vielleicht (ähnlich der Kunst-Drohung) nicht ganz ernst gemeintes Ziel war Venedig zu einer Universitätsstadt zu machen, die ihre wirtschaftliche Kraft aus Forschung und Innovationen gewinnt. Rubini glaubt, dass die Leute – insbesondere solche aus Kulturkreisen – so gereizt auf Brugnaro reagieren, weil sie mit seinem Stil nicht einverstanden sind, damit, dass ihm ein Basketballteam gehört, mit seiner Grobheit, seinem venetischen Dialekt. »Viele haben Angst vor ihm genau aus diesen Gründen«, sagt mir Rubini. Der eigentliche Fokus seiner Regierung liege aber auf der Umlagerung von politischer Entscheidungskraft weg aus der Altstadt hin zur umliegenden Region, Brugnaros Basis.

Schönberg-Nono hat von der Stadt Venedig auch schon vor Brugnaros Regierungszeit kein Geld bekommen. Wahrscheinlich werden also auch die kommenden Jahre durch eine Missachtung seitens der Stadtregierung geprägt sein. Die Frage wird vor allem sein, ob diese Missachtung eine wohlwollende bleibt. Im Jahr 2019 muss der Mietvertrag des Archivio Luigi Nono von der Stadt verlängert werden, was Schönberg-Nono nervös stimmt. Einige Geldquellen der Stiftung wird es möglicherweise bald nicht mehr geben; auf die Stadt kann sie nicht zählen, wenn es um den Ausgleich des Differenzbetrags geht. »Seit meinem 80. Geburtstag, also seit vier Jahren, fragen mich die Leute ›Nuria, was wird passieren, wenn du nicht mehr da bist?‹ Ich gebe zu, das ist etwas, worüber man nachdenken muss«, erzählt Schönberg-Nono. Während unseres Rundgangs durch das Archiv sagt sie mir: »Die Zeit vergeht sehr schnell, wenn man alt wird.«

Nach der Zukunft des Archivs, das er entworfen hat, gefragt, sagt Giorgio Mastinu, der Architekt: »Das könnte definitiv schwierig werden. Mittlerweile ist es aber auch ein ziemlich wichtiger kultureller Ort – in der Stadt, in Italien und in der ganzen Welt. Ich glaube (und hoffe), dass es kein Bürgermeister wagen würde, die Aktivitäten des Archivs zu unterminieren – denn dann hätte er die ganze Kulturwelt gegen sich.« Stefan Litwin, der Pianist, sagt mir, dass »alles, was Nuria anfasst, unglaublich fruchtbar« ist. »Die Stiftung wird auch ohne sie weitermachen können«, fügt er hinzu.

Schönberg-Nonos Zukunftsängste sind nicht unbegründet. Genauso wenig gibt es Grund dazu, die Hoffnung aufzugeben. Das Archivio Luigi Nono könnte an einen anderen Ort ziehen, würde dann aber möglicherweise etwas Entscheidendes von sich preisgeben. Genau das zeichnet es als Geschöpf seiner Heimatstadt aus. In Venedig ist die Sorge um den Fortbestand der Stadt genauso Teil des eigenen Mythos wie ihre drückende Eleganz. In Italo Calvinos Unsichtbare Städte sagt Marco Polo zu Kublai Khan: »Ich habe Angst, Venedig schon gleich ganz zu verlieren, wenn ich nur von der Stadt spreche.« Vielleicht ist gerade eine solche Angst nötig, um etwas so Zartes und Schönes am Leben zu erhalten. ¶

Jeffrey Arlo Brown

...ist seit 2015 Redakteur bei VAN. Seine Texte sind auch in Slate, The Baffler, The Outline, The Calvert Journal und Electric Lit erschienen. Er lebt in Berlin.