Seit 2010 spielen die großen Namen der Klassikszene in einem Dorf in der Sächsischen Schweiz jedes Jahr für eine Handvoll Tage so gut wie umsonst. Der Grund? Die Musik Dmitri Schostakowitschs. Die Internationalen Schostakowitsch Tage Gohrisch haben sich als einziges regelmäßiges Festival für den Komponisten mittlerweile fest etabliert. Ich habe mit dem Mitbegründer und Künstlerischen Leiter Tobias Niederschlag gesprochen: über die Uraufführung von Schostakowitsch-Raritäten, eine Scheune als Konzertsaal und die unterhaltsame Seite des so oft als düster abgestempelten Komponisten.

Tobias Niederschlag

VAN: Es gibt weltweit mehr als 80 Bachfeste und einige Mozart- oder Brahms-Festivals, aber ich habe nur ein Schostakowitsch-Festival gefunden: die Internationalen Schostakowitsch Tage Gohrisch. Ist Ihr Festival das Einzige für den Komponisten? 

Tobias Niederschlag: Nach unserem Kenntnisstand ja. Es gibt immer mal wieder große Festivals, die einmalig einen Schwerpunkt auf Schostakowitsch setzen. Wir hatten ja auch letztes Jahr hier in Leipzig ein Schostakowitsch-Festival, das natürlich insgesamt viel größer war. Aber ein Festival, das jedes Jahr stattfindet und diesem Komponisten gewidmet ist, gibt es nur in Gohrisch. Es ist ja auch der einzige Ort außerhalb der Sowjetunion, an dem Schostakowitsch nachweislich ein Stück geschrieben hat – und nicht irgendeines, sondern das berühmte autobiografische Achte Streichquartett. 

Warum wollten Sie Schostakowitsch ein Festival widmen? 

Viele Leute wissen gar nicht, dass eines seiner bedeutendsten und auch meistgespielten Werke in Gohrisch entstanden ist. Das haben wir zum Anlass genommen. 2009 haben wir einen Verein gegründet; 2010 kam dann schon das erste wichtige Jubiläum: Schostakowitschs erster Aufenthalt in Gohrisch jährte sich zum 50. Mal. Das wollten wir nutzen und haben auf Hochtouren ein Festival mit wenig bis gar keiner Infrastruktur auf die Beine gestellt. 

Wie sah die erste Festivalausgabe aus? 

Wir haben erst einmal geguckt, wo man überhaupt musizieren konnte. In das ehemalige Gästehaus des Ministerrates, wo Schostakowitsch damals gewohnt hat, passen 80, 100 Leute rein, das war ein bisschen klein. Es gibt aber auch keine Kirche im Ort, die man mieten konnte. Und dann sind wir auf eine Scheune gestoßen, die über das Jahr hinweg als Scheune der Agrargenossenschaft Oberes Elbtal genutzt wird. Wir haben gemerkt, dass der Raum eine hervorragende Akustik hat. Also haben wir das Stroh ausgeräumt, die Scheune gereinigt und zu einem Konzertsaal umgebaut. 

Es war mir wichtig, dass wir von Anfang an Künstler mit internationalem Renommee präsentieren. Ein Kooperationspartner von Beginn an war die Staatskapelle Dresden, bei der ich damals noch als Konzertdramaturg arbeitete. Igor Levit war zum Beispiel auch ein Künstler der ersten Stunde, den damals erst wenige kannten. Das Festival fand auf Anhieb eine wirklich erstaunlich große Resonanz, obwohl unsere Möglichkeiten – räumlich und finanziell – sehr begrenzt waren. Das hat uns natürlich ermuntert, weiterzumachen. Die Schostakowitsch-Fangemeinde ist dann von Jahr zu Jahr gewachsen und unglaublich treu. Es gibt etliche Leute, die die Pässe für alle Veranstaltungen buchen, bevor wir das Programm veröffentlichen. 

Wer sitzt – außer der Fangemeinde – in Ihrem Publikum? 

Das ist eine Mischung. Erstaunlich viele junge Menschen, vor allem aus Dresden. Es ist ein Publikum, das sich gerne intellektuell mit diesem Komponisten auseinandersetzt. Aber es gibt auch viele Leute aus der Region, die wahrscheinlich gesagt haben, ›Mensch, da ist was, wir gucken uns das mal an‹. Wenn man Schostakowitschs Achtes Streichquartett live hört, die Akustik super ist und man wirklich tolle Interpreten hat, – auch wenn man vorher vielleicht wenig klassische Musik gehört hat –, ist man erstmal sehr beeindruckt. So haben wir viele Leute an Schostakowitsch und sein Umfeld herangeführt, die immer wieder kommen. 

Die Scheune ist sehr unkonventionell und die Grenze zwischen Bühne und Publikum ist fließend. Viele Leute aus Gohrisch unterstützen uns – als Kartenabreißer, Parkplatzanweiser oder bei der Reinigung der Scheune. Die Toiletten stehen draußen und werden von allen genutzt. Man kommt mit den Künstler:innen ins Gespräch. Es ist eine familiäre Atmosphäre. 

Wie gewinnen Sie Interpret:innen wie Gidon Kremer, das Quatuor Danel oder Elisabeth Leonskaja für das Festival, trotz des geringen Budgets? 

Wegen der hohen Umbaukosten kann es nur dadurch funktionieren, dass die Künstler:innen in Gohrisch auf ein Honorar verzichten. Es gibt bei der Staatskapelle Dresden eine Tradition, dass die Musiker:innen für Kammermusik nur ein sogenanntes Frackgeld von 10 Euro bekommen. Das ist seit über 150 Jahren so: Man macht das aus Begeisterung für die Sache. Das hat bislang bei allen Künstlern, die wir eingeladen haben, geklappt. Ich habe noch keinen einzigen Künstler erlebt, der gesagt hat, ›Nö, wenn es kein Geld gibt, komme ich nicht‹. Das spricht für diese Künstler:innen, aber auch für den Komponisten. 

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Hat sich etwas an der Art, wie Musiker:innen Schostakowitsch interpretieren, im Laufe der Zeit verändert, seit es das Festival gibt? 

Das ist schwer zu beantworten, weil die Interpretation natürlich von Künstler zu Künstler anders ist. Ich glaube allerdings, dass Russlands Krieg gegen die Ukraine vielen bewusst gemacht hat, wie erschreckend aktuell diese Musik heute noch ist. So würde ich es eher sagen. Schostakowitsch selbst hat einmal geäußert, er hoffe, dass es irgendwann einen Zeitpunkt gebe, an dem seine Musik nicht mehr gespielt werde, weil sie einfach nicht mehr aktuell sei. Dieser Punkt ist noch nicht erreicht. 

Es gibt nicht nur Musik von Schostakowitsch, sondern auch von Mendelssohn, Weinberg und vielen anderen. Welche Musik passt zu Schostakowitsch? 

Wir haben jedes Jahr noch ein oder zwei Schwerpunkte neben Schostakowitsch. Das sind sehr häufig Komponisten aus seinem Umfeld. Wir haben schon früh viel Weinberg gespielt, auch etliche Weinberg-Uraufführungen. Dieses Jahr wird landesweit die jüdische Kultur in Sachsen gewürdigt. Schostakowitsch selber war ja kein jüdischer Komponist, aber die jüdische Musik hat ihn doch sehr beeinflusst: als großer Bewunderer von Mahler, aber auch durch die Freundschaft mit Weinberg. Es gibt jüdische Einflüsse in vielen seiner Werke, und wir machen dieses Jahr den Liederzyklus Aus jüdischer Volkspoesie zum Abschluss des Festivals – eines der ganz starken Schostakowitsch-Stücke, das man viel zu selten hört.

Mendelssohn und Schostakowitsch ist eine Kombination, die man sonst nicht ohne Weiteres findet. Ich bin mal gespannt, wie das aufgeht. Ich tausche mich regelmäßig mit Schostakowitschs Witwe Irina Antonowna Schostakowitsch aus, und sie sagt, er sei gar nicht so gerne mit anderen russischen Komponisten aufgeführt worden, sondern am liebsten mit den Klassikern. Also machen wir das. 

Sie haben auch etliche Schostakowitsch-Werke uraufgeführt. Wie kam dies zustande?

Wir haben engen Kontakt zum Schostakowitsch-Zentrum in Paris, das Irina Antonowna gegründet hat, und zu Olga Digonskaya, die das Schostakowitsch-Archiv in Moskau leitet. Wir sind eine ihrer ersten Anlaufstellen, sodass wir die Entdeckungen, die sie macht, in Gohrisch häufig zum ersten Mal präsentieren konnten. Ich glaube, es hat sie beeindruckt, dass wir einen idealen Rahmen haben, Raritäten zu spielen, bei denen man ein bisschen den Hintergrund kennen muss, um sie ins Gesamtschaffen einzuordnen, weil wir ein sehr kundiges Publikum haben. Das freut und ehrt uns. 

Haben Sie Lieblingswerke unter den Raritäten? 

›Lieblingswerk‹ ist immer ein bisschen schwierig. Aber 2017 tauchte ein Impromptu für Bratsche und Klavier auf, das Nils Mönkemeyer und Rostislav Krimer uraufgeführt haben – ein kurzes Stück mit einer langsamen Einleitung und einem schnellen Hauptteil. Es dauert eine Minute. Aber es hat den beiden damals so gut gefallen, dass sie es dreimal hintereinander gespielt haben, jedesmal ein bisschen anders, und das Tempo am Schluss noch angezogen haben. Ich glaube, das hätte Schostakowitsch gefallen. 

Neulich sagte ein Dirigent zu mir: Zum Glück war das Wetter schlecht, sonst wäre keiner in die Oper gekommen. Wie schaffen Sie es, dass Leute im Sommer bei schöner Natur Schostakowitsch hören – der nicht immer gerade sommerlich ist? 

Ich versuche, die Programme ein bisschen aufzulockern. Der heitere, unterhaltsame Schostakowitsch wird zu selten gespielt. Er war ja ein Komponist, dem das Komponieren sehr leicht von der Hand ging, der unglaublich brillante und wirkungsvolle Unterhaltungsmusik – im besten Sinne des Wortes – schreiben konnte. Deswegen gibt es dieses Jahr die beiden Jazz-Suiten gleich im Eröffnungskonzert mit der Kremerata Baltica. Da kommt ein bisschen Licht in die Scheune. 

Eine andere Entdeckung beim diesjährigen Festival ist der Komponist Lew Abeliowitsch. Wie sind Sie auf ihn gestoßen? 

Vor anderthalb Jahren kannte ich ihn noch gar nicht. Der Vater von Rostislav Krimer, der diese Stücke in der Kammermatinee mit Nils Mönkemeyer, Elli Choi und Friedrich Thiele vorstellen wird, war mit Abeliowitsch gut befreundet. Rostislav hat seinen Nachlass geerbt, ein relativ überschaubares Oeuvre. Abeliowitsch hat mit Weinberg studiert, war Schüler von Mjaskowski in Moskau und gehörte zum engsten Kreis um Schostakowitsch. Ich habe von ihm bislang nur wenig Musik gehört. Natürlich kenne ich die Partituren der Werke, die bei uns dieses Jahr aufgeführt werden, bin aber sehr gespannt, sie live zu hören. Es dürften europäische Erstaufführungen sein, vielleicht ist sogar die eine oder andere Uraufführung dabei.

Es gibt ja letztlich gar nicht so viel Kammermusik von Schostakowitsch, mit Ausnahme der fünfzehn Streichquartette, was natürlich ein riesen Kosmos ist. Deswegen ist es ratsam, den Blick nach außen zu werfen und andere Komponisten zu spielen, auch aus der heutigen Zeit. Wir haben schon einige Auftragswerke uraufgeführt: Alexander Raskatov, Krzysztof Meyer, Lera Auerbach und Valentin Silvestrov waren alle da. Es sind alles Komponist:innen, die durch Schostakowitsch beeinflusst wurden. Irgendwie kommt man an Schostakowitsch nicht vorbei. ¶

... ist seit 2015 Redakteur bei VAN. Sein erstes Buch, The Life and Music of Gérard Grisey: Delirium and Form, erschien 2023. Seine Texte wurden in der New York Times und anderen Medien veröffentlicht.